12/04/2010

“Antisemitismus, Märtyrerkult und ein Atomprogramm” -Vortrag und Diskussion mit Matthias Küntzel in Münster

Matthias Küntzel wird am kommenden Donnerstag in Münster einen Vortrag zum Thema “Antisemitismus, Märtyrerkult und ein Atomprogramm. Der nukleare (Alp)traum Teherans und die Rolle Berlins” halten. Dies ist die letzte von vier Veranstaltungen der Reihe “Marg bar jomhuriye eslami! Nieder mit der islamischen Republik!” der Gruppe et2c.

Der AStA der Uni Münster, der schon mit seiner Verurteilung des “blutigen Angriffs Israels” auf die Mavi Marmara brillierte, hat seine anfängliche Unterstützung der Veranstaltungsreihe zurückgezogen; dabei führt er in seiner Distanzierung so etwas ähnliches wie Argumente an (Mehr dazu in der Stellungnahme der Gruppe et2c).

Wer sich ein eigenes Bild davon machen will, wie der “Sarrazin-Anhänger und Kriegstreiber” Küntzel den Iran “pauschal und ohne jegliche Beweise” attackiert, der ist herzlich zu Vortrag und Diskussion in den Club Courage eingeladen.

Ort: Club Courage, Friedensstraße 42 (Hinterhof), Münster

Zeit: 09.12.2010, 16 Uhr

 

Update

Auf der Achse des Guten findet sich unter dem Titel “Sarrazin im Club Courage?” ein offener Brief zum Thema, unterzeichnet von Münsters alt- und neualtlinkem Gruselkabinett:

Hannes Draeger (Die Linke.SDS Münster), Klaus Blödow (Parteilos/Medienassistent), Jusos Münster, Edo Schmidt (Antmilitaristische Gruppe Münster), Jonas Freienhofer (AStAReferent für Frieden&Internationales), Tim Fürup (Die Linke.SDS), Tobias Fabinger (FiKuSReferent im AStA der Uni Münster), DKP Kreisvorstand Münster

Darin finden sich auch weitere Begründungen für die Ablehnung Küntzels als persona non grata. Unter anderem sei er “Autor des neoliberalen Leitmediums SPIEGEL Online”. Andreas Bendl, ein weiterer Referent der Veranstaltungsreihe, sei “Unterstützer der neokonservativen ‘Stop the Bomb’-Kampagne”. Des Weiteren werden alle möglichen wer-liest-wen-Verbindungen breitgetratscht, um Küntzel als ‘irgendwie’ rechtsradikal abzustempeln. In bester KP-Tradition braucht man sich in der linken Gruft dazu gar nicht erst mit einzelnen Texten Küntzels auseinandersetzen, es reicht, dass er “auf der bekannten Nazi-Seite ‘politically incorrect’ [hier liegen sie übrigens gar nicht mal so falsch] als Star im ‘Kampf gegen die Islamisierung Europas’ der neuen Rechten gefeiert” wird. Als “Beleg” für diese Behauptung müssen diese beiden Quellen herhalten, wobei letztere weniger gegen pi oder Küntzel spricht als vielmehr gegen das ehemalige Zentralorgan der SED. Hier findet sich die Korrespondenz Künzels mit dem ND.

Allein der Duktus des Briefes – “Die Grenze des Pluralismus wurde hier bei Weitem überschritten” –, der nicht auf Thesen und Argumente Künzels eingeht und permanent irgendwelche Verbindungen unterstellt, anstatt sich Küntzels wirklichem Anliegen und der von ihm selbst vertretenen Position (z.B. hier im Phase2-Interview anlässlich des Irakkrieges) zu widmen, mutet grotesk an und lässt die Phantomschmerzen erahnen, die die sehr deutsche Sektion der KP plagen, seit ihr das “Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD)” abhanden gekommen ist.


Fundstück: Geschichtsbewusstsein

“In Neukölln werden 16 Schulen bewacht – Vorfälle gibt es seitdem nicht mehr. Ab Dezember werden auch am Eingangstor der Ernst-Abbe-Schule in Neukölln zwei Männer in blauen Westen mit der Aufschrift "Germania Wachschutz" stehen.” (Tagesspiegel)


10/06/2010

Malte Lehming: Mein Freund, der Baum

Für den Reichsjägermeister und Reichsnaturschutzbeauftragten Hermann Göring bedeutete Waldvernichtung Volksvernichtung. Denn „wenn wir durch den Wald gehen, erfüllt uns der Wald mit einer ungeheuren Freude“. Viel gelesen wurde auch sein Essay: „Ewiger Wald und ewiges Volk“. Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg glorifizierte in dem Montagefilm „Der ewige Wald“ die Deutschen als Waldvolk. Für die bündische Jugend sollte das Wandern im Wald helfen, Werte wie Treue, Kameradschaft und Natürlichkeit zu entwickeln. Und natürlich sollten im deutschen Wald nur deutsche Pflanzen gedeihen und deutsche Tiere leben. Der deutsche Baum (die Eiche) und der deutsche Wald (ewig) gehören seit rund 200 Jahren fest zur nationalen Identität.

Man könnte diese Einleitung missverstehen als Beleg für das von Mike Godwin geprägte Gesetz, demzufolge im Verlauf langer Debatten irgendwann irgendjemand einen Nazi-Vergleich bringt. Doch mit der Nazi-Ideologie hat der Protest gegen „Stuttgart 21“ allenfalls in Sphären des kollektiv Unbewussten zu tun. Vielmehr ist es ein Aufstand urdeutschen Gemüts. Im Stuttgarter Schlossgarten wird das germanische Wesen verteidigt.

[…]

Auf der Internetseite der „Parkschützer“ heißt es: „282 Großbäume sollen für Stuttgart 21 gefällt werden: Platanen, Bergahorn, Eichen, Ulmen, Rosskastanien, Rotbuchen und andere. Diese wertvollen Bäume bieten Lebensräume für Vögel, Fledermäuse und Insekten. Jeder Baum und jede Hecke ist im Lauf der Jahrzehnte zu einem einzigartigen Biotop gewachsen. Biotope, die teilweise vom Aussterben bedrohten Arten einen Lebensraum bieten.“ Wahrscheinlich ist das Wort „Lebensraum“ ebenso zufällig gewählt wie der Aufruf „Stuttgart erwache“: Mit ihm endet das Video des Protest-Raps „Oben bleiben“, das bei jeder Demonstration ertönt. Die Parkbäume im Schlossgarten sind zum überragenden Symbol des Streits um „Stuttgart 21“ geworden.

In anderen Ländern gehen Menschen für Freiheitsrechte und Revolutionen auf die Straße, sie bekämpfen die Staatsmacht wegen Tyrannei oder unsozialer Politik. In Stuttgart geht’s um Bäume (und einen neuen Bahnhof). „O Wald, o Waldeseinsamkeit, wie gleichst du dem deutschen Gemüt“, schrieb der Dichter Julius Hammer 1851. „Kein anderes Geschöpf ist mit dem Geschick der Menschheit so vielfältig, so eng verknüpft wie der Baum“, urteilte der Historiker Alexander Demandt. Und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti bringt es in seinem Hauptwerk „Masse und Macht“ 1960 auf den Punkt: „In keinem modernen Land der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude.“

[…]

(weiterlesen auf tagesspiegel.de)


10/01/2010

Prügelnde Polizisten und Pamperspatrioten*

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!

Mitleid mit der Polizei

Die Polizei hat sich in Stuttgart wieder von ihrer Schokoladenseite gezeigt. Das vorläufige Ergebnis der Prügelorgie: 400 Verletzte, darunter rund 100 Schüler und ein Baby. Sogar die BILD ist schockiert und auf Seiten der Demonstranten. Dass hingegen die Partei der deutschen Bureaukratie dabei nichts auf ihre Polizey kommen lässt, versteht sich von selbst bzw. ist bei ihnen genetisch angelegt. Den Rest erklärt des Deutschen liebster Begriff: der Befehlsnotstand. So bekundete der Generalsekretär der SPD Baden-Württemberg, Peter Friedrich, “’Mitleid mit den Polizisten’, die nun der Prellbock für die Eskalationsstrategie von Mappus seien.” Ähnlich einfühlsam zeigt sich der Grüne Cem Özdemir: “Die Polizisten sind nicht unsere Feinde. Das sind nicht unsere Gegner. Das sind Leute, die werden da missbraucht, die haben einen Drecksjob zu machen. Indem sie durchknüppeln müssen, indem sie das Projekt (Stuttgart 21) durchsetzen müssen. Ein Projekt, das sie wahrscheinlich selbst nicht wollen.”

Die Polizisten mussten sich durchprügeln Die armen Schweine! Sie müssen sich durchknüppeln. Es verhält sich doch vielmehr so: ein Polizist wählt den Beruf des Polizisten und wird hinsichtlich eines einzigen Kriteriums gemustert, nämlich seiner Tauglichkeit, ein Glied im bewaffneten Arm des staatlichen Gewaltmonopols zu sein. Die Metapher des Arms ist dabei wörtlich zu nehmen: Der Kopf sitzt woanders, Reflexion und Menschlichkeit – wie auch immer man diese bestimmen mag – sind ihm von Amts wegen fremd – oder, besser noch, egal. Wer den Polizeiberuf ergreift, muss, zumindest im Amt, gemessen an den üblichen Idealen von Pädagogik und Bürgerlichkeit – als da wären: Reflexions-, Diskussions- und Kritikfähigkeit – charakterliche Defizite aufweisen. (Wer erleben möchte, wie Polizisten über ihren Beruf denken, dem sei das Forum copzone ans Herz gelegt.) Kurzum: Es bedarf eines autoritären Charakters. So nimmt es auch nicht Wunder, dass ein Sprecher der größten bewaffneten Bande nicht anders spricht als der Wortführer einer bewaffneten Bande: “Wenn die Demonstranten sich nicht rechtlich einwandfrei verhielten, ‘dann kann die Polizei auch mal hinlangen’”.

Pamperspatrioten

Betrachtet man den Vorfall in Stuttgart allein im Hinblick auf die üblichen Methoden der staatlichen Gewalt, so wäre ohne Zweifel Solidarität angebracht – wären die Opfer nicht gerade Fans ebendieser Gewalt. Allein das Ziel und der Zeitpunkt der Demonstrationen geben zu denken, und damit ist nicht gemeint, dass es sich die Schwaben vielleicht auch schon mal eher hätten überlegen können. Während europaweit gegen die sogenannten Sparmaßnahmen der Regierungen protestiert wird (für deutsche Leser hier eine Übersetzungshilfe des Wortes Generalstreik), sorgt man sich in Stuttgart um 280 Bäume. Nicht zuletzt, wie die TAZ weiß, weil dies “bis "Wir hatten ja nichts" - Patriot ohne WindelnMitternacht, also bis zum 1. Oktober, […] noch wegen der Vegetationszeit gesetzlich verboten” ist. Es gibt sogar eine neue Aktivistenspezies: die Parkschützer, die sich mit Windeln an Bäume ketten (Sie ketten sich natürlich nicht mit Windeln an Bäume, sondern tragen Windeln, während sie an Bäume gekettet sind).  Bei dieser Mischung aus betonter Asozialität und libidinöser Bindung an Bäume verwundert auch folgende Episode nicht: “Eine offenbar nennenswerte Zahl von Demonstranten skandierte nicht nur den Klassiker ‘Wir sind das Volk’, sondern begann, die Nationalhymne zu singen.” Und, so fährt die TAZ fort: “Die sonst braven Bürger, die im Angesicht der Wasserwerfer die Nationalhymne intonieren, sehen sich selbst als legitime Vertreter des Staates und sprechen nunmehr diese Rolle gleichzeitig denjenigen ab, die die Polizisten in den Park geschickt haben.”

Der Alptraum der direkten Demokratie

“In Deutschland kann es keine Revolution geben, weil man dazu den Rasen betreten müßte.” – dieses Bonmot wird Stalin zugeschrieben. Nun betreten die Bürger den Rasen, und zwar unter dem Banner der Haiderschen Losung: “Keine Verstaatlichung des Menschen, sondern eine Vermenschlichung des Staates”. Der stets hervorgehobene Gegensatz von Bürger und Staat, einstmals durchaus emanzipatorischer Natur, wird hier aufgemacht, weil die durch und durch verstaatlichten Menschen keine Versöhnung von Individualität und Gesellschaftlichkeit, sondern die Identität des Staates mit sich und ihrem ‘gesunden Empfinden’ fordern. War beim Hamburger Volksentscheid zumindest noch ein Hauch von Klasseninteresse zu vernehmen, so sucht man dieses bei den Gegnern von Stuttgart 21 oder den Diskussionen um Sarrazin vergeblich. Was zählt ist der Gegensatz: das asoziale Wir gegen die korrupten Politiker mitsamt Quasselbude. Ein Wahn von Meinung und Meinungsfreiheitsaposteln gegen die Vernunft. Sie hat nichts gegen Polizeigewalt, sondern will sie auf ihrer Seite haben; sie soll eben, wie Özdemir betont, nicht missbraucht werden. Das Telos dieser Bewegung ist der ‘Alptraum der direkten Demokratie’ (Nachtmann).

Demokratie als Mittel zur Durchsetzung von Aufklärung und Vernunft setzte eine Gesellschaft voraus, die der Demokratie schon gar nicht mehr bedürfte - eine aufgeklärte und vernünftige. Gerade in Deutschland ist der Puffer, den die vom ‘gesunden Volksempfinden’ halbwegs abgesetzte parlamentarische Vermittlung und deren Unterwerfung unter die relative Verfassungssouveränität bilden, ein Segen. Auch wenn sie fruchtlos bleiben wird, so ist die Polizeigewalt in Stuttgart, bei aller Unverhältnismäßigkeit der Mittel, ein letzter Rest von Reeducation angesichts einer Bewegung, die den Rechtsstaat und das parlamentarische Verfahren durch den deutschen Volkswillen ersetzen will. War die direkte Demokratie immer schon der deutschen Linken liebstes Kind, so entfaltet sich gegenwärtig in Europa ihr wahnsinnig emanzipatorisches Potenzial. Einen Vorgeschmack konnte der geneigte Zuschauer in der Hauptstadt der Bewegung gewinnen, in der bei einer Diskussion mit Sarrazin, wie Peter Fahrenholz in der SZ glaubwürdig darstellt, “ein Hauch von Sportpalast” zu spüren war.

Bei der TAZ nimmt man den Zusammenhang zwischen Wilders und Sarrazin, die man hasst, und der Bewegung gegen Stuttgart 21, die man so sehr liebt, natürlich nicht wahr. Man lässt sich sogar unter dem Titel Die neuen Revolutionäre von Oskar Negt - SPD-Mitglied, Schröderunterstützer, und “Vertreter der kritischen Theorie” (ja, das geht heute zusammen) – erklären, warum die neuen Bürgerrebellen gegen die “Entfremdung der Gesellschaft mit ihren Parteien und Repräsentanten”, so unglaublich toll sind. Wenigstens bei einer Frage zeigt Negt eine sympathische Regung: “Ist das der Anfang oder das Ende der Demokratie? Bei dieser Frage verstummt zunächst selbst Oskar Negt.” Leider nur zunächst.

 

* Sorry für diese Überschrift!

P.S. Die Bildunterschriften gibt es nur, wenn man mit der Maus drüberfährt.


9/14/2010

Der Sarrazin-Komplex

Im folgenden ist ein Ankündigungstext zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Justus Wertmüller (Redaktion Bahamas) dokumentiert. Geplant ist sie für Donnerstag, 30. September 2010, um 19.30Uhr in München. Der genaue Veranstaltungsort wird noch bekannt gegeben. Veranstalter ist die Gruppe Monaco/Verein freier Menschen (AO).

Warum die Kritiker Sarrazins im Unrecht und seine Thesen trotzdem verkehrt sind

„Volksheld Sarrazin“, titelt der Spiegel. Und schiebt hinterher: „Warum so viele Deutsche einem Provokateur verfallen.“ Die Sprache verrät, was in den Köpfen der deutschen Journaille vor sich geht. Die Verachtung für die Massen, die scheinbar immer nur irgendwelchen Volkstribunen hinterherlaufen und ihnen dann, wenn nicht ein kluger Kopf aus dem Hause Augstein sie auf den rechten Pfad führt, „verfallen“, beruht auf der Voraussetzung, dass es den faschistischen Mob, den die Nazis erfolgreich mobilisierten, nach wie vor gibt. Das Misstrauen der intellektuellen Elite rührt daher, dass sie ihre eigene Aufrichtigkeit nur im Gegensatz zum angeblich furchtbar rassistischen und im Kern immer schon zum Pogrom bereiten „kleinen Mann auf der Straße“ konstruieren können. So agieren sie als ständige Mahner und Warner und verdrängen doch, dass es immer schon gerade die Intellektuellen waren, die die Barbarisierung der Gesellschaft vorangetrieben haben. Der Fall Sarrazin zeigt, dass die Homogenität der Meinungen, die zur Schau gestellte Einmütigkeit „aller Demokraten“, eine Farce ist. Denn die so genannten Meinungsmacher vermögen, wenn man die breite Zustimmung zu Sarrazins Thesen abseits der politischen und intellektuellen Öffentlichkeit betrachtet, die Einzelnen kaum noch überzeugen. Zu sehr sind in den letzten Jahren die unmittelbare Erfahrung – etwa dass es nicht nur große Integrationsprobleme, sondern auch eine durchaus bedrohliche Islamisierung in Deutschland gibt – und die ideologischen Rationalisierungen der linken Elite auseinander getreten.

Gäbe es den Thilo Sarrazin nicht, die politische Klasse mitsamt ihrem linken bis linksextremen Anhang müsste ihn erfinden. An ihm kann sie wieder einmal demonstrieren, dass sie und nur sie für das Wahre, Gute und Schöne eintrete. In der derzeitigen Mobilisierung des militanten Arms der Zivilgesellschaft, der selbst ernannten „Antifa“ nämlich, gegen die Veranstaltung mit Thilo Sarrazin im Münchner Literaturhaus drückt sich zweierlei aus: Der autoritäre und im Ernstfall auch gewalttätige Versuch, Personen, die nicht das sagen, was man von ihnen erwartet, das Rederecht zu entziehen, sowie die Unfähigkeit, sich mit der kritisierten Position argumentativ auseinanderzusetzen. Dies räumt die Antifa sogar freimütig ein: „Mit Rassisten gibt es nichts zu diskutieren.“ (http://www.antifa-nt.de/) Wäre sie in der Lage darzulegen, warum Sarrazin ein solcher sein soll, dann hätte sie durchaus Recht: Aber die „besseren Argumente“, die sie angeblich vorgebracht hat, sind gar keine, sondern nur reflexhafte Aneinanderreihungen von Denunziationen, die zu allem Überdruss noch in schlechtestem „Dummdeutsch“ (Henscheid) verfasst sind. Von „Enttäuschung“ über die Veranstalter ist da die Rede, weil diese partout nicht den dreisten (und darüber hinaus hirnrissigen) Erpressungsversuchen der Antifa nachgeben wollen.

Dass die Antifa mit ihrer Kritik an Thilo Sarrazin meilenweit vorbeischießt, zeigt die Tatsache, dass sie ihm genau dort Rassismus unterstellt, wo er schlicht Tatsachen benennt: Rassistisch sei es, wenn Sarrazin von „weniger intelligenten und integrationsunwilligen Muslim_innen“ spreche, dabei weiß inzwischen jedes Kind, dass eine große Zahl von Moslems in Deutschland sich weder nach einem gedeihlichen Zusammenleben mit den „Ungläubigen“ sehnt noch besonderen Wert auf die verwestlichte, ergo: blasphemische Bildung legt. Diese Tatsache hat nichts mit Genen zu tun, was sogar Sarrazin zu ahnen scheint, wenn er die Behauptung, eine „vererbbare Intelligenz“ sei ganz entscheidend für den Bildungserfolg, immer wieder durch den Hinweis auf die gesellschaftlich produzierte Dummheit ganzer Generationen abzustützen sucht. Dass aber die Bezeichnungen „Kopftuchmädchen“ und „Importbraut“ nicht, wie die Antifa meint, eine „Abwertung muslimischer Frauen“ von Seiten Sarrazins darstellen, sondern die real existierende, von der community und den Familien verbrochene Abwertung von Frauen zu patriarchalem Eigentum auf den Begriff bringt, wollen Freunde des Respekts vor anderen Kulturen nicht verstehen. Auch über die These, es gebe ein „jüdisches Gen“, zeigt man sich nicht minder empört als Sigmar Gabriel, Ranga Yogeshwar und Co. Es gibt seit Jahrzehnten immer wieder Forschungsergebnisse renommierter Genetiker, die tatsächlich nahe legen, dass ein größerer Prozentsatz von aschkenasischen Juden relativ zu anderen Gruppen gesehen erhebliche genetische Ähnlichkeiten aufweist, aber das gilt Alarmisten, die bei jeder falschen Gelegenheit „Wehret den Anfängen!“ rufen, als Skandal. Dabei wäre doch die entscheidende Frage, was man mit den Erkenntnissen der Wissenschaftler begründen zu können glaubt. Sarrazin hat, auch wenn die Linke das gerne hätte, zwar fälschlich gesagt, es gebe ein Juden-Gen, aber nicht, dass aus diesem automatisch ein besonderer jüdischer Charakter folge. Von daher hat die skandalumwitterte Aussage weder etwas mit Antisemitismus noch mit Rassismus zu tun.

Kurz und gut: Wäre Sarrazin der, für den die politische Klasse, die Medien, Münchner Antifas und auch viele seiner islamkritischen Verteidiger (Broder, Kelek, Giordano und andere) ihn halten, ein Kritiker der islamischen Unkultur also, man müsste sofort Partei für ihn ergreifen. Allein, es ist nicht so. Denn Sarrazins Thesen richten sich nicht gegen das System Islam, sondern gegen die Unproduktiven, deren objektive ökonomische Überflüssigkeit er als individuelle Inkarnation des kapitalistischen Verwertungsimperativs schonungslos ausspricht. Dass das gesellschaftliche und weltanschauliche System Islam durch seine Geschlechterapartheid und seine menschenfeindliche Unterdrückung des Intellekts diese Unproduktivität in besonderem Maße fördert, weshalb der Anteil der Moslems am Heer der Überflüssigen deutlich überproportional ist, wollen nur wenige wahrhaben. Anstatt diesen Zustand zu denunzieren, verlegt sich auch Sarrazin darauf, ihn zu ontologisieren, indem er behauptet, die Moslems seien kollektiv und irreversibel unnütz. Sarrazin plaudert damit die Logik der Spiegellesenden, mittelständischen Eltern autonomer Münchner Antirassisten aus, die penibel darauf achten, dass ihre Sprösslinge bloß keine Problemschulen mit hohem Ausländeranteil besuchen, damit sie auch ja nicht den „Unproduktiven“ zugeschlagen werden. Die Viertel, in denen sie leben, sind hier – anders als in Berlin oder Köln – sowieso weitgehend ausländerfrei, „Kopftuchmädchen“ kennt man hier nur aus dem Fernsehen. Die vom Islam Unterdrückten werden auf- und den communitys preisgegeben. Indem die Politiker und ihre Lautsprecher sich alle „islamophoben“ Äußerungen verbitten, zementieren sie die gesellschaftliche Segregation und fördern die Islamisierung.

Das Schicksal von Türken oder Arabern, die man gelernt hat, „Muslim_innen“ zu nennen, als ob der Genderquatsch auch nur irgendeinen türkischen Schwulen oder ein arabisches Mädel vor dem Zugriff ihrer Väter, Brüder und Ehemänner schützen würde, ist den linken Gegnern Sarrazins also vollkommen egal. Die simple Tatsache, dass sich im Kapitalismus der Wert des Menschen über den Tauschwert der Ware Arbeitskraft definiert, von Ideologen wie Sarrazin treffend, wenn auch affirmativ als „Produktivität“ bezeichnet, erscheint ihnen vor allem deswegen als Zumutung, weil sie selbst nichts leisten außer in öden Uniseminaren cultural und gender studies zu pauken, die sie rationalisierend als kritische Theorie ausgeben. Dass es nicht wenige Türken und Araber gibt, die sich nicht nur gerne bilden (und darunter mehr als die Erlernung pseudorevolutionären Jargons verstehen), sondern sogar mehrwertproduktiv arbeiten würden, denen aber die Möglichkeiten dazu ständig von einer barbarischen Kultur und deren Protagonisten verbaut werden, mag man in „lohnarbeitskritischen“ Kreisen nicht gerne denken. Man will und kann nicht begreifen, dass gerade im Spätkapitalismus die Lohnarbeit einen emanzipatorischen Charakter annehmen kann, insofern sie dem Einzelnen die Möglichkeit verschafft, sein Leben jenseits von patriarchaler und staatlicher Bevormundung zu leben. Dass ein Arbeitsplatz, an dem man zur Akkumulation von Mehrwert beitragen kann, eben nicht nur Ausbeutung und Herrschaft bedeutet, sondern den Einzelnen im besten Falle zugleich befähigt, sich selbst als eigenverantwortliches und gesellschaftliches Subjekt wahrzunehmen anstatt als Funktionsträger einer türkischen oder sonst wie islamischen Gemeinschaftsidentität, wäre der kritische Kern, den man gegen Sarrazin aus dessen Thesen herausschälen müsste. Zu diesem Zwecke laden wir alle, die von Erklärungen genug haben, in denen im schlimmsten Politikersprech einer Claudia Roth von „Empörung“ die Rede ist, und sich lieber der kritischen Analyse der Wirklichkeit widmen wollen, am 30.09. 2010 zum Vortrag von Justus Wertmüller (Redaktion Bahamas) ein.


9/13/2010

Spiegelfechter – LSD im Gemüseladen

Der folgende Text ist eigentlich ein Kommentar zu Jörg Laus Beitrag Warum man auf Deutschland stolz sein soll. Da er etwas länger geraten ist und sich auch – über das Themas des Ursprungtextes hinaus – auf die gesamte Sarrazindebatte anwenden lässt, poste ich ihn einfach hier nochmal. Lau selbst hat sich in der letzten Zeit vorrangig als Kritiker von Sarrazin und einer zunehmenden Islamophobie gebärdet. Dabei hebt er sich auf jeden Fall von Alarmisten der kritikfreien Multikultifraktion ab, auch wenn seine letzten Äußerungen und Thesen manchmal etwas obskur anmuten. In dem Text, auf den sich dieser Beitrag bezieht, zitiert Lau die Beobachtungen eines Nicolas Kulish von der New York Times, der vor lauter Lob des neuen Deutschlands Lau beinahe vor Freude hyperventilieren lässt:

 

Also zunächst einmal einen spielt die ganze Özil-Toleranz in der gleichen Liga wie die Sarrazinsche Intoleranz. Das heißt, wir schlagen nicht mehr die vermeintlich Unproduktiven tot, sondern die, von denen wir annehmen, sie seien wirklich unproduktiv – wenn das mal kein Fortschritt ist. Die Messlatte der Kritik ist in beiden Fällen die gleiche: Staatsloyalität und Kapitalproduktivität, hier geben sich Herr Lau und Herr Sarrazin bei einem Gläschen Rotwein die Hand.

Beiden gemein ist die urdeutsche Ideologie, gegenüber der uneigentlichen Kultur anderer Länder sei Deutschland das “Land, in dem noch Dinge von Wert hergestellt werden.” So erfreuen sich auch beide der deutschen Zustände, in denen “der Fluch der Vergangenheit die junge Generation nicht mehr überschattet”. Dennoch will man sich von dieser Vergangenheit nicht ohne Stolz lossagen und sich ab und an gerne auf sie beziehen: “Deutschland hat schon ganz andere Sachen geschafft als die Integration der 4 Mio. muslimischen Einwanderer.” Oh ja, das haben sie.

Und so liefert man sich, Tag ein, Tag aus, ein Scharmützel darüber, ob jetzt die Muslime unproduktiv seien oder ob dieses Urteil zu allgemein und undifferenziert ist, wobei der Maßstab freilich nie in Frage gestellt wird. Und weil sie “der Fluch der Vergangenheit nicht” länger “mehr überschattet”, brauchen sie auch nicht mehr darüber nachzudenken, ob nicht die Messlatte selbst die Falsche ist – und so kann Herr Lau weiterhin den Antifaschisten gegen den Rassisten Sarrazin geben, weil beide vergessen haben, dass “Deutschland [...] schon ganz andere Sachen geschafft [hat] als die Integration der 4 Mio muslimischen Einwanderer.”

Wer den “Fluch der Vergangenheit” als solchen bezeichnet und froh ist, dass er einen “nicht mehr überschattet”, spricht aus, dass der Fluch nicht die Sache und die Tat, sondern das Gedenken und die Reflexion, nicht zuletzt die wie auch immer bestimmte Schuld war. Ein nicht unwichtiges Resultat einer solchen Reflexion wäre, den Einzelnen gegen das Kollektiv zu verteidigen; unter gegenwärtigen Umständen bedeutet dies nicht unwesentlich: eine Kritik des Islam, sowohl in seiner politischen Variante als auch, davon nicht losgelöst, in der Form einer Regressionsideologie islamischer Migrantencommunities.

Weder Sarrazin noch Lau vermögen dies zu leisten, da beider Perspektive das große Ganze ist, das funktionieren soll. Die Opfer, sowohl von Sarrazins Ekel wie Laus Differenzierung, sind vorrangig die Objekte der islamischen Rackets. Vom einen werden sie in die Kritik der unintelligenten und unnützen “Gemüsehändler” mit einbezogen, beim anderen existieren sie gar nicht als Opfer, da alles – wie es im postmodernen LSD-Jargon heißt – so vielfältig und bunt ist.

“Deutschland schafft sich ab” – schon wär’s…


9/06/2010

Killerkitsch: “Der letzte Krieger von Dschenin”

Da der Abgabetermin meiner Magisterarbeit näher rückt, hier nur eine kleine Leseempfehlung. Aber Achtung: es ist der mit Abstand ekligste Kitsch, der mir unter die Augen gekommen ist – sowas habe ich schon lange nicht mehr, vielleicht noch nie gesehen bzw. gelesen. Ich hoffe mal für DIE ZEIT, dass es sich bei dem Autoren um einen Praktikanten handelt, der grade sein G8-Abitur in Bremen macht.

Bereits die Einleitung lässt jeden Heimatfilm blass aussehen: “Ein weites Tal umgeben von weichen Hügeln mit leichtem Bewuchs erstreckt sich in schattierten Rot- und Brauntönen dem Horizont entgegen.” Dann folgt ein Portrait des “palästinensischen” Rentners Zakaria Zubeidi (33), der früher Juden ermordete und sich heute – Stichwort: Ehrenamt im Alter – dem Theater zugewandt hat: “Er gründet zusammen  mit dem israelischen Schauspieler und Dissidenten Juliano Mer-Khamis das Freedom Theatre im ehemaligen Flüchtlingslager von Dschenin. Noam Chomsky und Judith Butler unterstützen das Projekt.” Wer auch sonst?

Der ganze Text besteht eigentlich nur aus ekelhafter Augen- und Narbenmetaphorik, wie sie – zumindest hoffe ich das – in jedem Dorf-VHS-Kurs zum Thema “Jetzt lerne ich schreiben – der Weg zum Erfolgsroman” den Leuten aberzogen wird. Beispiele gefällig?

“Aus tiefen, versehrten Augen blickt Zakaria Zubeidi nun auf. In der fragmentierten Iris sitzen scheinbar verstreut kleine, abstrakte Pupillen.“

“Splitter drangen in die Augen ein. Zubeidi erblindete. Ein Arzt entfernte einige der Schrapnell-Fragmente. Das Augenlicht kehrte zurück.”

“Viel haben diese Augen gesehen.”

“In den Augen, den Gesten und dem Ton von Zubeidi findet sich eine eigentümliche Sanftheit, die einfach nicht zu seiner Biografie passen will. Wenn man seinen Blick erwidert, schlägt er oftmals die Augen nieder. Aber nicht verschüchtert oder zaghaft. Es ist, als wenn Zakaria Zubeidi schon längst nicht mehr ganz da wäre, schon halb an einem anderen Ort.“

“Blickt man in seine Augen dann begegnet einem die ganze Komplexität und das biblische Alter des Nahost-Konfliktes. Und die Sonntagsreden der Politik scheinen sich in der flirrend heißen Luft Dschenins schlicht aufzulösen.”

“Die Narben, die Zakaria Zubeidi im Gesicht und am Körper trägt, sind die Wunden des Konfliktes, die ihn zum Mörder, zum Volkshelden, zum letzten Krieger haben werden lassen. Er kann keinen Frieden finden. “

“Manchmal, wenn er eine Zeit lang schweigt, scheint es, als versinke Zubeidi in der Vergangenheit, als höre er "die im Dunkeln unter dem Fenster entlang marschierenden Truppen", wie Hemingway in A farewell to arms schreibt. Als spüre er das Gewicht und den Rückstoß der Maschinenpistole in seiner Hand. "Die Israelis besetzen unser Land, unsere Kultur und unsere Träume", sagt Zubeidi schließlich. Unruhige Träume müssen das sein.”

Hemingway ist das Stichwort! Wie sagte Adorno noch über die deutsche Kunst: “Im neunzehnten Jahrhundert haben die Deutschen ihren Traum gemalt, und es ist allemal Gemüse daraus geworden. Die Franzosen brauchten nur Gemüse zu malen, und es war schon ein Traum.“ Dies gilt auch, wahrscheinlich mehr noch, für einen deutschen Journalismus, der Hemingway spielt. Aber letztlich geht es dem Autor ja nicht allein darum, sich als ernstzunehmenden Schreiber zu präsentieren, sondern er hat zudem noch eine Intention. Er will darauf hinweisen, wie ungemein kompliziert die Lage in Nahost doch ist, damit er die Palästinenser in sein postmodernes, antischematisches Schema pressen kann. In seinem Jargon klingt das so: “Sie sprechen für eine Gemeinschaft, die in Biografie, Zielsetzung und emotionaler Bindung heterogen bis in die äußersten Ränder ist. So different wie die Perspektiven auf den Nahost-Konflikt sind, so unterschiedlich sind sie innerhalb des palästinensischen Volkes selbst.” Oha, alles ganz schwierig also! Dann schauen wir uns mal den komplexen und hybriden Herrn Zubeidi etwas näher an. Zunächst einmal war er ein gewöhnlicher, palästinensischer Judenmörder:

Er hat israelische Soldaten getötet und Bomben gebaut. Er war, so behaupten die israelischen Behörden, Organisator von Selbstmordattentaten. Er stand ganz oben auf der Todesliste zu liquidierender Staatsfeinde. Als sich während der Zweiten Intifada ein Selbstmordattentäter aus dem ehemals prosperierenden Dschenin in Haifa in die Luft sprengt, rückt im April 2002 die israelische Armee an und zerstört große Teile der Stadt. Die Palästinenser greifen ihrerseits zu den Waffen. Während der "Schlacht um Dschenin" wird Zubeidi zu einem der Anführer der Fatah nahen Al-Aksa-Brigaden.

Dann erfährt man folgendes: “2003 war vor ihm ein Sprengkopf explodiert. Splitter drangen in die Augen ein. Zubeidi erblindete. Ein Arzt entfernte einige der Schrapnell-Fragmente. Das Augenlicht kehrte zurück.” Grandios, kommt jetzt so etwas wie eine Saulus/Paulus-Geschichte? Das läge aus psychoanalytischer Sicht zumindest nahe (Verlust des Augenlichts, Gal 4,15; Freuds Sandmann-Interpretation, Stichwort: Kastration!). Aber nein, Zubeidis Wandel zu einem heterogenen Element der bunten Patchworkgesellschaft “Palästina” hat sich an einer anderen Stelle vollzogen:

"Nach der (Zweiten) Intifada begannen die inner-palästinensischen Probleme zwischen Hamas und Fatah. Das ist der wahre Grund, warum ich den bewaffneten Kampf unterbrochen habe" sagt Zubeidi leise: "Man kann die palästinensische Flagge nicht mehr sehen. Alle Flaggen sind grün, gelb oder schwarz: Die Farben der einzelnen Parteien. Die Palästinenser haben diese Partikular-Interessen ständig vor Augen." Ihm gehe es um Einheit. Den Politikern in Ramallah misstraut er dabei: "Wir haben die Opfer gebracht. Dort wird nur geredet", sagt der ehemalige Al-Aksa-Brigaden-Chef.

Mh, irgendwie unspannend. Dieses übliche Faschistengeschwätz soll jetzt ein Dokument palästinensischer Vielschichtigkeit sein? Aber es geht noch weiter:

"Der bewaffnete Widerstand ist Teil des Palästinensischen Widerstandes", sagt er bestimmt in einem eigentümlichen Singsang: "Aber wir haben Ärzte, Ingenieure, Künstler, das Kino und das Theater. Wir haben neue Waffen, die wir verwenden."

Da geht dem Leser ein Licht auf! Die palästinensische Gesellschaft ist also nicht in den Zwecken, sondern in den Mitteln differenziert. Doch selbst das stimmt nicht so ganz:

“Immer wieder spricht Zubeidi von der dritten Intifada als sinnstiftendem Ereignis. Wenn er einen dabei so sonderbar fern anblickt, dann weiß man, das sind nicht die Floskeln eines Politikers oder saturierten Alt-Aktivisten. "Ich habe meine Waffen nicht niedergelegt. Ich benutze sie schlicht nicht mehr", sagt Zubeidi dann und greift dabei beiläufig an sein Pistolenhalfter, das er unter seinem Hemd am Rücken verborgen immer bei sich trägt. Zubeidi sagt, er trage diese Waffe nicht, um zu töten, sondern um getötet zu werden, sollten israelische Spezialeinheiten ihn einmal doch in Haft nehmen wollen. Man nimmt ihm ab, dass er das ernst gemeint. (sic!)

Ruhestand eben. Auch in Palästina gibt es so etwas wie Altersweisheit, nur taucht die bereits für westliche Maßstäbe früh auf. In seinem hohen Alter schlägt Zubeidi versöhnliche Töne an:

Er kann von den Israelis nicht als gleichberechtigter Partner akzeptiert werden. Umso abstrakter klingt es wenn Zubeidi sagt, er lade jeden Juden ein, sein Nachbar zu sein: "Wir beanspruchen das ganze Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. In diesem palästinensischen Staat begrüßen wir alle Religionen. Wir sind das heilige Land für alle drei Religionen." Dazu wird es wohl niemals kommen. Zubeidi weiß das.

Na, wenn das mal kein Ausdruck für die Heterogenität unter den Westjordaniern ist, “eine Gemeinschaft, die in Biografie, Zielsetzung und emotionaler Bindung heterogen bis in die äußersten Ränder ist. So different wie die Perspektiven auf den Nahost-Konflikt sind, so unterschiedlich sind sie innerhalb des palästinensischen Volkes selbst.”

Quod erat demonstrandum!

 

Hier geht’s zum Originalbeitrag in der ZEIT.


9/03/2010

Band of Brother

carnival

Damit das Ganze nicht zum monothematischen Blog verkommt, zur Abwechslung mal was ganz anderes in – fast – eigener Sache. Die Aufnahmen der Bremer Band young carnival meines Bruders Alexander Treville sind fertig und wollen gehört werden. Musikliebhaber und Menschen mit connections zu Konzertveranstaltern (oder solche, die selbst welche sind) können auf der Seite Kontakt mit der unikatösen Musikkapelle aufnehmen. Jung, nuttig und adrett, sind sie dennoch anspruchsvoll: die sieben Knaben brauchen Platz zum toben. Zudem haben sie, nebst eindrucksvollem Instrumentarium, geheime Zusatzfähigkeiten, die hier noch nicht verraten werden.


8/27/2010

Thilo von Treitschke?









Wie ich bereits in einem früheren Beitrag mit Bezug auf PI schrieb:
"Ich halte, wie ihr, wenig vom Begriff der Islamophobie. Zum einen, weil dieser Begriff ein Kampfbegriff ist, der meist dazu dient, Kritiker des Islams zu pathologisieren und auf eine Stufe mit Antisemiten zu stellen. Diesem Punkt werdet ihr wohl zustimmen. Ich würde dennoch niemals leugnen, dass es Gegner des Islams gibt, denen ebenso entschieden entgegengetreten werden sollte wie anderen Rassisten – weil sie selbst Rassisten sind. Der Fehler am Begriff der Islamophobie ist nämlich beileibe nicht der, dass es nicht etwas gäbe, dass man darunter fassen könnte; der Fehler ist vielmehr, dass er das Kind nicht beim Namen nennt: es handelt sich um ganz ordinären (sei er nun biologistisch oder kulturalistisch begründet) deutschnationalen Rassismus. Eure ganze Kritik an der schleichenden Islamisierung ist nichts anders als pseudorationalisierte Überfremdungsangst."
Dem ist eigentlich im Hinblick auf Thilo "Mendelsche Gesetze" Sarrazin nichts hinzuzufügen. Natürlich findet er mit seinen rassistischen Invektiven bei Nazis aller Couleur regen Anklang: bei der NPD, den Pro-Parteien,  und der Mehrheit der Deutschen (natürlich auch der Mehrheit der Linksparteiwähler, das nur nebenbei) sowieso. Das er nun ausgerechnet aus der SPD ("Die Müßiggänger schiebt beiseite") kommt, verwundert nur, wer die Geschichte der in-dubio-pro-patria-Partei nicht zur Kenntnis nimmt. Was Sarrazins Rassismus angeht, so bleibt Alan Poseners angemessen polemischem Videokommentar wenig hinzuzufügen.
  
Was Sarrazin hoch anzurechnen ist, ist, dass er grade unter den Islam- und Multikulturalismuskritikern die Spreu vom Weizen trennt. Mag sein, dass sich auch Idioten und Islamversteher gegen Sarrazin stellen - aber der Feind meines Feindes ist noch lange nicht mein Freund! Islamkritik bekämpft die Religion und das ihr entsprechende Zwangskollektiv, sie ist universalistisch oder gar nicht und fordert deswegen weder die Ausweisung noch ein Einreiseverbot, weil patriarchal-religiöse Arschlöcher überall patriarchal-religiöse Arschlöcher sind. Wo Sarrazin von Unterdrückung in islamischen Communities spricht, geht  es nicht um eine Befreiung der vom Islam Unterdrückten, sondern um eine Befreiung der Deutschen getreu dem Motto: Unterdrückung ja, aber woanders - denn hier macht Unterdrückung unproduktiv. Seine Kritik am Islam und seinen Folgen ließt sich dementsprechend wie folgt:

• unterdurchschnittliche Integration in den Arbeitsmarkt
• überdurchschnittliche Abhängigkeit von Sozialtransfers
• unterdurchschnittliche Bildungsbeteiligung
• überdurchschnittliche Fertilität
• räumliche Segregation mit der Tendenz zur Bildung von Parallelgesellschaften
• überdurchschnittliche Religiosität mit wachsender Tendenz zu traditionalen beziehungsweise fundamentalistischen Strömungen des Islam
• überdurchschnittliche Kriminalität, von der „einfachen” Gewaltkriminalität auf der Straße bis hin zur Teilnahme an terroristischen Aktivitäten.

Staatsloyal und kapitalproduktiv bis in den Tod – anders hat sich das Wesen dessen, was deutsch ist, nie ausbuchstabiert. Natürlich hat Sarrazin nicht grundsätzlich etwas gegen islamische Herrschaft einzuwenden, nur bitte nicht hier:

„Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise ins Morgenland buchen. Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden.“

Auch wenn Sarrazin in bester deutscher Tradition steht, so ist Kramers Treitschke-Vergleich dennoch unangebracht. Der Antisemitismus will die Vernichtung des Juden, hier und anderswo. 





Leseempfehlung:

Der Lindwurm: Zu Sarrazin und seinen Fans: "Rassismus bleibt Rassismus"

8/26/2010

Der Supermoslem

Dank an konkret für dieses Fundstück:

2. August, Reuters India:

Nach einem erfolgreichen Start in Malaysia hoffen die Produzenten einer islamischen Reality-Show, in der der beste junge Moslemführer gesucht wird, daß andere islamische Länder das TV-Format ebenfalls einführen werden. In dem live übertragenen Finale am Freitag wurde der 26jährige Religionsgelehrte Muhammed Asyraf Ridzuan aus Penang zum Gewinner von Malaysias “Imam Muda” (“Junger Imam”) gekürt. Durch die Kombination eines Reality-TV-Formats mit traditionellen religiösen Lehren möchte das zehn Episoden umfassende Prime-Time-Programm unter Jugendlichen das Interesse am Islam wecken und ein modernes Rollenmodell präsentieren.

Die Show, in der gutaussehende Mitspieler in eleganten schwarzen Anzügen Koranverse vorlesen, religiöse Lieder singen, Leichen waschen und Schafe nach Regeln des Islam schlachten, sorgte in Malaysia und in Übersee für großes Interesse. Als letzter verbliebener Teilnehmer gewann Asyraf ein Stipendium an der Al-Madinah-Universität in Saudi-Arabien, einen Job als Geistlicher in einer Moschee in Kuala Lumpur, ein Auto, ein iPhone, eine All-inclusive-Pilgerreise nach Mekka und einen Geldpreis.


8/20/2010

…am antizionistischsten

Neuerdings hat die antizionistische Linkspartei Gegenwind von noch antizionistischerer Seite. Die Jüdische Allgemeine schreibt dazu:
“Neuerdings gelten sie als zu lasch: Linke-Politiker wie Norman Paech, Wolfgang Gehrcke oder Annette Groth, die sich selbst als »israelkritisch« bezeichnen. Im Umfeld der Partei werden sie beschimpft. Eine seit wenigen Wochen kursierende Unterschriftensammlung mit dem Titel »Menschen- und Völkerrecht sind unteilbar« fordert die Einstellung aller Annäherungen der Partei an Israel. Zugunsten einer vermeintlich propalästinensischen Solidarität. Dass im April die Bundestagsfraktion ein Papier verabschiedete, in dem sie sich zum Existenzrecht Israels bekennt und unter anderem das »sofortige Ende des palästinensischen Raketenbeschusses« fordert, bringt die Freunde eines harten Kurses gegen den jüdischen Staat noch mehr in Rage.”
Es ist jedoch festzuhalten, dass es auch sympathische Forderungen gibt, die aus der Gruft des Antiimperialismus in Bezug auf den palästinensischen Widerstand ertönen. Wie zum Beispiel diese:
"Unterstützung des gewaltfreien und basisdemokratischen Widerstands [...]".
Da scheinen die Verfasser des Positionspapier Israel/Palästina, Experten für die "tatsächlichen Verhältnisse in Israel/Palästina”, über geheime Informationen über dieses Phantom, das bei ihnen auch unter dem Titel "palästinensischen Zivilgesellschaft" firmiert, zu verfügen  - oder haben sie schlicht ein anderes Verständnis von Gewaltfreiheit und Basisdemokratie? Tertium non datur? Doch! Letzten Endes ist es ihnen einfach herzlich egal, “Gewaltfreiheit und Basisdemokratie” sind bloße Spielmarken im antiemanzipatorischen linken Jargon, denn wenn es gegen Israel geht, nimmt man es nicht so genau. Ob Pazifismus und Selbstverteidigung bis zum Endsieg gegen das Weltjudentum oder Pazifismus und Djihadismus bis zum Endfrieden – letztlich waren beide immer zwei Seiten ein und der selben Medaille. “Stets hat der blind Mordlustige im Opfer den Verfolger gesehen, von dem er verzweifelt sich zur Notwehr treiben ließ”, heißt es in der Dialektik der Aufklärung. In den Worten der Verfasser des Positionspapiers klingt das so:
"Eine unterdrückte Nation wie die palästinensische hat das Recht, sich zu wehren und für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen. Wenn friedliche Mittel nichts erreichen, hat eine unterdrückte Nation allerdings auch das Recht, den Befreiungskampf bewaffnet zu führen. Der bewaffnete Kampf gegen die Repressionsorgane der Unterdrücker muss sich allerdings an die Regeln des Völkerrechts halten. Ist dies nicht der Fall oder halten sich einzelne Akteure des Widerstands nicht an diese Regeln, so erschwert dies die Solidarität, darf aber nicht die grundsätzliche Beurteilung eines kolonialen Konflikts ändern. Terror gegen Zivilbevölkerung lehnen wir klar und eindeutig ab. Wir treten grundsätzlich für eine friedliche Konfliktlösung ein. Wir können und dürfen die Unterstützung einer unterdrückten Bevölkerung im Übrigen nicht vom Charakter ihrer aktuellen Führungen – hier der Fatah (bzw. PLO) oder der islamischen Hamas – abhängig machen, sonst laufen wir Gefahr, uns in der Auseinandersetzung zu neutralisieren bzw. Unterdrückung faktisch zu rechtfertigen bzw. zu unterstützen.”
Jaja, wenn das revolutionäre Subjekt "unterdrückte Nation" qua Judenmord um seine Selbstbestimmung kämpft, "so erschwert dies die Solidarität, darf aber nicht die grundsätzliche Beurteilung eines kolonialen Konflikts ändern." Aber es kommt noch dicker: Wie die Verfasser mit einer unglaublichen Penetranz betonen, ist die Aufforderung, das nationale Selbstbestimmungsrecht gegen Juden in Anschlag zu bringen, eine Lehre aus eben dem 'dunkelsten Kapitel' deutscher Geschichte, in dem die Deutschen das nationale Selbstbestimmungsrecht gegen Juden in Anschlag brachten. Dies läuft bei ihnen unter der Forderung nach einer "Förderung antifaschistischer Erinnerungskultur" und ließt sich wie folgt:
Wie gewohnt, das Wichtigste zuerst: "Die terroristische Nazi-Diktatur führte zur Zerschlagung der stärksten Arbeiterbewegung außerhalb der Sowjetunion". Zu diesem Zweck Zudem führte sie dann ja auch noch zum "Völkermord an 6 Millionen Menschen jüdischer Herkunft, zur geplanten Vernichtung der Sinti und Roma und anderer Menschen, die nach der Nazi-Ideologie „unwertes Leben“ waren, sowie zur Auslösung des bisher für die Menschheit verlustreichsten Eroberungskriegs." Soso, "die  terroristische Nazi-Diktatur führte zur Auslösung..."
Und nun die Folgerungen, die man ganz links daraus zieht:
"Daraus konnte und kann nur eine Konsequenz gezogen werden: Nie wieder dürfen Rassismus als Staatsdoktrin, Verachtung von Demokratie, Menschenrechten und kulturellen Eigenarten, Staatsterrorismus, Krieg und koloniale Eroberung in diesem Land eine Chance bekommen oder durch deutsche Politik anderswo gefördert werden."
24046774_default_riefenstahl_africa_interv_04_0706281504_id_60435
Nazi Riefenstahl beim Unterdrücken 
kultureller Eigenarten
Hach, die kulturellen Eigenarten, die haben es der Linken angetan. Es folgt eine ganze Liste mit Anschuldigungen, warum Israel genau diese Kriterien des Nationalsozialismus erfüllt und weswegen sich das “Nie wieder” gegen Israel als Wiedergänger der “terroristische Nazi-Diktatur” richtet. Das Problem dieser Linken ist Israel, weshalb auch mit keiner Silbe eine eventuelle Mitschuld von palästinensischer Seite erwähnt wird. Das man sich dieses Problems allein durch eine Auflösung Israels entledigt, was dann “Die Einstaaten-Option” heißt, ist logisch – natürlich alles im Namen der Aufarbeitung der Vergangenheit:


“Das ist es, was wir den Überlebenden der systematischen industriellen Ausrottung der europäischen Juden und ihren Nachkommen schulden, mögen sie in Israel leben oder, wie 60 % von ihnen, außerhalb. Das ist es, was wir der israelischen Bevölkerung schuldig sind, ob jüdisch oder arabisch. Das ist es, was wir den Palästinenserinnen und Palästinensern schuldig sind. […] Eine bedingungslose oder auch nur kritische „Solidarität mit Israel“ aus Gründen der „Staatsräson“ oder eine angebliche „Doppelverantwortung“ gegenüber einem kolonialistischen und unterdrückerischen Israel und den unterdrückten Palästinensern wären nicht nur falsche Konsequenzen aus der deutschen Geschichte.”
Solidarität mit Antisemiten und die Auflösung Israels  als eine Konsequenz aus der deutschen Geschichte? – Na, irgendwie haben sie ja recht. So gewinnt auch der logische Spagat, dass ihnen einerseits die Nation zur zweiten Natur geworden, die Gründung Israels aber auf jeden Fall ein Verbrechen ist, eine gewisse Plausibilität. Der Ruf nach ‘nationaler Selbstbestimmung’, dessen brutale Unkosten die Solidarität ‘erschweren’, gilt, aller Betonung der Universalität der Menschenrechte - “Menschenrechte sind unteilbar. Wir weigern uns, mit zweierlei Maß zu messen” - zum Trotz, selbstverständlich nicht für Juden:
“Der Ende des 19. Jahrhunderts als Antwort auf rassistische Ausgrenzung und Verfolgung entstandene Zionismus – lange Zeit eine vollkommen marginale Strömung in den jüdischen Gemeinschaften Europas – war historisch offensichtlich die falsche Antwort. […] Sie stellte sich den Emanzipationsbestrebungen der Jüdinnen und Juden im Rahmen ihrer Gesellschaften entgegen und ging davon aus, die Antwort auf den Antisemitismus müsse ein eigener Nationalstaat sein.”
Wo anderswo schon der Verweis auf die “kulturellen Eigenheiten” ausreicht, um einen nationalen Widerstand mitsamt Vertriebenenverbänden zu legitimieren, hätten sich die Juden angesichts der “rassistischen Ausgrenzung und Verfolgung” im Nationalsozialismus “Emanzipationsbestrebungen […] im Rahmen ihrer Gesellschaften” zuwenden sollen. Es erübrigt sich auf diesen Dreck überhaupt einzugehen, das ist schon an anderer Stelle zu genüge getan worden. Wenn es linke Nationalisten wenigstens einmal vollbrächten, im Singular zu denken anstatt in kollektivistischen und verdinglichten Kategorien von Volk, Klasse, Nation, Fortschritt und "Weltfrieden", würde ihnen die simple Evidenz folgender Äußerung Isaac Deutschers unmittelbar einleuchten:
“Wenn ich in den Zwanziger- und Dreißigerjahren europäische Juden beschworen hätte, nach Palästina zu gehen, statt gegen den Zionismus zu argumentieren, hätte ich vielleicht geholfen, ein paar Menschenleben zu retten, die später in Hitlers Gaskammern ausgelöscht wurden.”
War sonst noch was? Ach ja! Die Verfasser “weisen entschieden die Anwürfe zurück, Kritik an der Politik der israelischen Regierung und an den Kriegsverbrechen der israelischen Armee sei eine Form des Antisemitismus.” Stoff für noch einen Essay? Oder doch lieber Woody Allen?

P.S.:
Kleiner Tip (ja, mit einem P) an die Verfasser des Positionspapiers:
Soll es dereinst mit einer breiten antisemitischen Volksfront klappen, so vermeiden Sie doch bitte ihre parteiinternen Zwistigkeiten. Es kann doch nicht schwierig sein, leere und folgenlose Worthülsen wie “Wir erkennen das Existenzrecht Israels an und verurteilen Gewaltakte gegen die israelische  Zivilbevölkerung” in Ihren Aufruf einzubauen – etwas anderes dürfte die regierungswilligen Genossen wohl nicht vom Unterzeichnen abhalten. Ihr Anliegen lässt sich sowieso am besten verwirklichen, wenn Sie vorgäben, sie handlten als Freund Israels und wollten nur sein Bestes. Fragen Sie mal bei den Grünen und der SPD nach! Ansonsten gibt es auch noch andere Bündnisangebote, halten Sie die Augen offen!


8/08/2010

Fundstück: Wir Israelkritiker

Zwar wird eine mehr als blöde Debatte auch durch gute Beiträge nicht zwangläufig besser, aber dennoch sei Lars Rensmanns Replik auf den antisemitischen und anmaßenden Kommentar von Daniel Bax wärmstens empfohlen.

Googelt man "Israel", wird man schnell fündig: Im Internet wimmelt es von Karikaturen, die Juden als hakennasige Drahtzieher oder Spinnen darstellen, darauf aus, von Israel aus die Welt zu beherrschen oder das Blut palästinensischer Kinder in Matzenbrot zu verbacken. Beliebt ist es auch, jüdische Israelis als Nazis darzustellen: Solch antisemitische Motive finden sich in vielen Variationen - von Collagen einer deutschen Website, die Ehud Olmert in SS-Uniform zeigt, bis zur Behauptung der spanischen Zeitung El Mundo, Israel beginge einen "zweiten Holocaust". Die Rede vom "Konzentrationslager Gaza" hat es mancherorts in Europa sogar in den Mainstreamdiskurs geschafft. Umso erstaunlicher, dass manche meinen, Kritik an Israel werde unterdrückt.

In Wirklichkeit wird kein anderer Staat so dämonisiert, indem seine Bevölkerung mit Nazis gleichgesetzt wird, wie Israel und seine jüdischen Bürger. Diese Gleichsetzung, die den Holocaust verharmlost und seine Opfer verhöhnt, hat die EU mit gutem Grund als antisemitisch klassifiziert. Der Umstand, dass solche Gleichsetzungen nicht "zwingend antisemitisch motiviert" sind, wie Armin Pfahl-Traughber reklamiert (taz vom 16. 7.), sagt dabei nichts über ihren judenfeindlichen Sinngehalt aus.

(Weiterlesen)


7/27/2010

Unser Holocaust – Der Juden Knacks und der Judenknacks

In Claudio Casulas vortrefflicher Liste "Was Israelkritiker sagen - und was sie wirklich dabei denken" fehlt ein wichtiges Exemplar. Die Aussage ‘Israel instrumentalisiert und relativiert den Holocaust, weil es Parallelen zwischen dem deutschen und dem arabisch-islamischen Antisemitismus zieht’ meint übersetzt:

Als Weltmeister der Geschichtsaufarbeitung haben wir Deutschen die Deutungshoheit in Sachen Antisemitismus - wer Antisemit ist, bestimmen wir! Seit geraumer Zeit hat die Holocaustindustrie ihr Tätigkeitsfeld auf Produktpiraterie ausgeweitet mit dem Ziel, selbstmächtig über das deutsche Eigentum Holocaust©, Auschwitz© und Shoah© zu verfügen. Dabei weiß jeder, dass es sich nur um zweitklassige Imitate handeln kann, deren Qualität niemals an made in germany heranreichen wird. Schlimmer noch: Die Unterstellung, Israel sehe sich Kräften gegenüber, die auf seine Vernichtung abzielen, ist nichts als Demagogie und Propaganda, weswegen sich nicht nur Gleichsetzungen, sondern auch schon Vergleiche verbieten.

Ein Beispiel für diese Haltung fand sich heute in einem  Kommentar von Daniel Bax, der in der antisemitischen Debattenreihe ‘Unser Israel’ (bei Bax ist das Programm) unter dem Titel ‘Wir Israelversteher’ in der TAZ erschien: "Solche Gleichsetzungen relativieren den Holocaust, der ein einzigartiges Verbrechen war, das bekanntlich von Deutschen begangen wurde”, sagt er beleidigt und stolz zugleich. “Muss man betonen, dass sich die politische Lage im heutigen Nahen Osten nicht annähernd mit der Verfolgung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs vergleichen lässt?”

Das iranische Atomprogramm, Ahmadinedschads Vernichtungsdrohungen, die Charta der Hamas (mit der entsprechenden Praxis), judenfreie Länder unter islamischer Herrschaft; dazu noch eine äußerst selektive und israelfeindliche UN, eine ignorante Weltöffentlichkeit,  usw. – das sind für Bax jüdisch-israelische Einbildungen, oder, in seinen Worten: ”Alarmismus”, “Demagogie”, “natürlich Propaganda”, “historische Kurzschlüsse”, “Brachialrhetorik”, “Faible für Nazi-Vergleiche”, “Juden, die sich bis heute als unverstandene Opfer der Geschichte fühlen”, “Selbstviktimisierung” und Missbrauch. Da den Juden den Israelis aber auch gar nichts heilig ist, wird selbst der Holocaust zum Mittel zu Macht und Geld:

“Das ist natürlich Propaganda, die einem klaren politischen Zweck dient. Denn mit diesem Alarmismus, der einen Ausnahmezustand suggeriert, lässt sich noch jede israelische Aggression - bis hin zu einem Angriff auf den Iran - als Akt der Notwehr verkaufen. Leider verfängt diese Demagogie erstaunlich gut. […] Doch keine israelische Regierung missbraucht den Holocaust so sehr wie die gegenwärtige, um damit ihre Politik zu rechtfertigen. Netanjahu hat ein Faible für Nazi-Vergleiche: Vor der UN-Vollversammlung verstieg er sich dazu, den Gazakrieg mit dem Kampf der Alliierten gegen die Nazis zu vergleichen. Und den früheren deutschen Außenminister Steinmeier belehrte er, das Westjordanland dürfe durch den Abzug der israelischen Siedler nicht "judenrein" werden.”

Auschwitz darf keine Rolle mehr für die jüdische Identität und israelische Politik spielen! Auch im Bereich der Vergangenheitsbewältigung gilt: am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Für Bax gibt es einen Nährboden, auf dem solche Propaganda gedeiht: Die Juden, die vielleicht wirkliche Bedenken und Ängste haben könnten; und zwar nicht nur wegen ‘der Geschichte’, sondern auch angesichts der Gegenwart. Ihnen empfiehlt Dr. Sigmund Bax implizit den Gang zum Therapeuten, um sich von ihrer Paranoia heilen zu lassen: “Bei all jenen Israelis und Juden, die sich bis heute als unverstandene Opfer der Geschichte fühlen, fällt solche Brachialrhetorik auf fruchtbaren Boden. Die Selbstviktimisierung hilft ihnen, Israels Besatzungspolitik und seine Kriege zu relativieren.”

Dabei hat Bax nicht mal unbedingt etwas gegen die Instrumentalisierung ‘des Holocaust’, er will nur das Monopol wahren. Rechtmäßiger Eigentümer ist der ‘Gerade-wir-als-Deutsche’-Deutsche, wozu er sich freilich auch zählt: “Gehört es also zu den Lehren aus der deutschen Geschichte, eine rechte Regierung zu unterstützen, die Friedensgespräche ablehnt und von einem Israel bis zum Jordan träumt?” Derart suggestiv gefragt, wettert er gegen die Moralkeule Auschwitz:

“Leider verfängt diese Demagogie erstaunlich gut. […] auch in Deutschland, wo es vielen schwerfällt, Israelis anders als in jener Opferrolle der Juden wahrzunehmen, die man aus dem Geschichstunterricht kennt. […]  Denn in wenigen Ländern kann Israels Politik mit so viel Verständnis rechnen wie hierzulande. Das gilt nicht nur mit Blick auf Bundeskanzlerin Angela Merkel oder die Zeitungen aus dem Axel-Springer-Verlag, deren Vorstandschef Mathias Döpfner einmal voller Ernst von sich sagte, er sei "ein nichtjüdischer Zionist". Das trifft auch auf vermeintlich "linke" Blätter wie Konkret oder Jungle World zu, die Israel bevorzugt als Opfer ausländischer Mächte zeichnen und sogar seine rechte bis rechtsextreme Regierung mit Inbrunst verteidigen. […] Der Ruf nach unbedingter "Solidarität mit Israel", der aus solchen Ecken ertönt, lenkt von anderen, wichtigeren Fragen ab: Kann ein Demokrat gezielte Tötungen von "Terroristen" (wer immer diese als solche definiert) als Mittel der Politik gutheißen? Kann er die Besatzung und den Siedlungsbau im Westjordanland, Blockade und Bombardierung des Gazastreifens unterstützen? Oder zumindest begrüßen, dass die deutsche Kanzlerin dazu kaum Kritik äußert aufgrund unserer "Verantwortung für den Holocaust"?”

Was für eine mächtige Front: Springer, Merkel und “vermeintlich ‘linke’ Blätter wie Konkret oder Jungle World”; da heißt es wohl: Gute Nacht, Palästina! Müßig darauf hinzuweisen, dass es sich in der deutschen Realität von Presse und Politik ein wenig anders verhält. Was die Linke angeht, so erteilt Dr. Sigmund Bax auch hier den Ratschlag: Auf die Couch! 

“Manche Linke sahen einst die Sowjetunion als "gelobtes Land" an und denunzierten jede Kritik am Kommunismus als ‘unsolidarisch’ - jetzt halten es manche mit Israel so. Der Schulterschluss mit Israel hat zudem eine psychologische Entlastungsfunktion: Manche glauben, damit jenen antifaschistischen Widerstand nachzuholen, den die eigenen Eltern und Großeltern leider versäumten. Sehr empfänglich sind sie daher für Netanjahus Propaganda, die suggeriert, die Palästinenser oder der Iran seien ‘die Nazis von heute’.”

So verdreht man einen Gedanken, der eigentlich einmal polemisch gegen linke Antifaschisten wie Bax gerichtet war; zudem ist bezeichnend, dass dieser Sachverhalt, der den gesamten Post-68er Antifaschismus kennzeichnet, genau dann und erst dann in der TAZ auftaucht, wenn Linke einmal etwas Vernünftiges tun und sich hinter Israel stellen. Apropos Broder – auch hier hat Bax ein super Argument parat:

“Harmlos ist die deutsche Begeisterung für Israel, solange sie sich in naiver Schwärmerei für Land und Leute erschöpft. Schwieriger wird es, wenn sie mit antidemokratischen Haltungen einhergeht, die in Israel weit verbreitet sind - zum Beispiel rassistische Vorurteile gegenüber Arabern und anderen Muslimen. Es ist ja kein Zufall, dass unter den größten Israelfans auch die schärfsten Islamgegner zu finden sind - und umgekehrt. Ob Henryk M. Broder, Ralph Giordano, der holländische Rechtspopulist Geert Wilders oder Internet-Hetzblogs wie Politically Incorrect - sie alle preisen Israel als Vorbild und plädieren dafür, Muslime in Europa zu diskriminieren.”

Nun, ob die genannte harmlose Schwärmerei für Land und Leute wirklich so harmlos ist – geschenkt. Viel schöner ist die Argumentationslogik: Wer Israel unterstützt, wird nicht umhinkommen, die Rolle des Islam kritisch unter die Lupe zu nehmen. Da sich im Fahrwasser der Islamkritik auch Rassisten tummeln, ist Israelsolidarität auch igitt. Das sind die tollen Argumentationsfiguren des ‘geht-oft-einher-mit’ und ‘wird-ähnlich-vertreten-von’: Israelsolidarität und Islamophobie, Broder und PI – irgendwie haben die alle entfernt was miteinander zu tun. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern! (Und nur nebenbei: Broder kann gar nicht islamophob sein, da er selbst ein Moslem ist – und einige seiner besten Freunde bestimmt auch!)

Holocaust-Trauma und jüdischer Überlebenswahnwille, psychologische Entlastungssuche bei den Antideutschen und Islamophobie in der Israelsolidarität – es ist überaus amüsant bei jemandem, der andere derart pathologisieren möchte, folgende Freudsche Fehlleistung zu lesen: “Wenn man die Welt so einäugig betrachtet, wiegt ein falsch beschnittenes Agenturfoto weit schwerer als neun Tote es tun”. Unter den Einäugigen ist der Unbeschnittene ein König, wird sich Bax wohl gedacht haben.

 

Nachtrag:

Im – wohlgemerkt moderierten - Kommentarbereich zum Artikel hat TAZ-Leser Johan Schreuder eine tolle Idee:

“Vorschlag,
Ich weiss nicht genau wie viel unschuldige menschen Israel seit der Gründung ermordet hat.
Sollen sie doch einer ihre, nicht vorhandene, Atombomben schmeissen damit
die gesamt zahl auf ca. 6 Millionen kommt.
Wäre es dann ausgeglichen??”


Fundstück

Leider komme ich momentan nicht zum Schreiben, deswegen an dieser Stelle nur eine Leseempfehlung. Auf der Seite www.israel-palestine-conflict.com finden sich einige graphisch aufbereitete Zahlen und Fakten zum Nahostkonflikt. Sehr empfehlenswert und anschaulich!


7/19/2010

Was nützt die Liebe in Gedanken

Es war abzusehen: Kaum macht der israelische Außenminister Lieberman einen brillanten Vorschlag (siehe auch hier), der genau aus diesen Gründen gut ist, kommt einer von diesen hier und ist dagegen, natürlich aus schlechten Gründen:

„Eine Politik, die das palästinensische Staatsgebiet aufteilt in verschiedene Staatsstrukturen, würde [einer Zweistaaten-Lösung] widersprechen“ (Quelle)

"Wir wollen nicht, dass die Idee eines palästinensischen Staates dadurch gefährdet wird, dass man unterschiedliche Staatsgebiete schafft, sie gewissermaßen voneinander separiert, abtrennt, auch politisch vielleicht gegeneinanderstellt" (Quelle)

Schlimm, dass Lieberman jetzt, wo wir doch so kurz vor einer Zweistaaten-Lösung stehen, dieses Ansinnen torpediert. Vielleicht sollte sich Westerwelle mal überlegen, dass genau das, was er Liebermans Vorschlag unterstellt, die tägliche Praxis von Fatah und Hamas und spätestens seit Juni 2007 bittere Realität ist.

Es gibt faktisch zwei Palästinensergebiete, die “gewissermaßen voneinander separiert, ab[ge]trennt, auch politisch vielleicht gegeneinander[ge]stellt” sind, nämlich Hamastan und Fatahland. Warum sollte Israel für deren nationale Einheit im Rahmen einer Zwei-Staaten-Lösung Sorge tragen – für zwei Konfliktparteien, die sich bis aufs Blut bekämpfen? Wieso sollte sich Israel für die “Idee eines palästinensischen Staates” von einem Vorhaben abbringen lassen, das derart aussichtsreich ist; aussichtsreich nicht in der Idee, sondern in der Wirklichkeit?

 

Lesetipp:

 

Claudio Casula: Kaum Wahlen, viele Kämpfe. Eine ganz kurze Geschichte der palästinensischen Demokratie.


7/16/2010

Quizfrage oder: Kommt bald Pro-NYC?

Vertreter der Religion des Friedens, erwiesenermaßen Experten für verletzte Gefühle, planen den Bau einer dreizehnstöckigen “Megamoschee“ in New York. Einige Bewohner der Stadt empören sich über ein derartiges Ansinnen, jedoch zu Unrecht:
"Muslime haben eine berechtigte Rolle zu spielen in der sozialen Struktur dieses Landes", sagt Ibrahim Ramey von der Muslim American Society Freedom Foundation dem Sender CNN. Und Sharif El-Gamal, Planer des Komplexes, bezeichnete das Vorhaben als "Stimme der moderaten Muslime". "Da ist solch eine Ignoranz gegenüber dem Islam!"
Dreimal darf geraten werden, an welchem Ort die Moschee errichtet werden soll. Zur Antwort geht es hier oder hier entlang.

Eine weitere Leseempfehlung:
'Liza' dokumentiert einen sehr lesenswerten Text Eike Geisels aus dem Jahr 1993 über Norman Paechs Antisemitismus.


7/13/2010

Petition an den Deutschen Bundestag: “Ich klage an”

Gerd Buurmann von tapferimnirgendwo hat eine Petition an den Deutschen Bundestag gerichtet. Diese kann hier unterzeichnet werden; weitere Verbreitung ist natürlich erwünscht.


7/10/2010

Antisemit Goyim Pracht hört endlich auf

Anlässlich der Aufrufe zu einer Gegendemo zur proisraelischen Kundgebung Fairplay für Israel berichtete ich auch über den Paradeantisemiten ‘goyim-pracht’, der unter anderem schrieb: “wir wollen den Juden zeigen das sie Jeder Hasst.” Bei Lindwurm fand sich gestern diese Meldung:

„Goyim Pracht“ hört endlich auf

Gute Nachrichten aus dem Cyberspace: Der vielleicht abscheulichste, wahnsinnigste und verhetzendste antisemitische Blog im deutschen Sprachraum, „Goyim Pracht“, gibt auf. Beinahe ist das ja schade, denn dieser Internetauftritt war dermaßen rasend irrsinnig, dass er die gesamte verrückte Weltsicht pathologischer Antisemiten auf den Punkt gebracht hat. „Goyim Pracht“ war auch insoferne aufschlussreich, da er ein die bizarre Querfront zwischen Nazis, Islamisten, Verschwörungstheoretikern, Ökofaschisten und schlichtweg Geistesgestörten in einem einzigen Blog nachlesbar machte. Trotzdem ist es natürlich gut, dass dieser Dreck (hoffentlich samt seines offenbar schwer gestörten Machers) aus dem Internet verschwindet…

Es soll nicht verschwiegen werden, dass sich gp – in Form und Inhalt - standesgemäß verabschiedet hat (Rechtschreibung im Original, versteht sich):

“Ich höre bald auf und werde diesen blog aus privaten gründen löchen.
die BRD Juden-Nazi GmbH verwendet SS und Stasi methoden um menschen mundtot zumachen,das alles geht mir am arsch vorbei und ist nicht der grund warum ich aufhören möchte sondern weil ich schlicht und einfach keinen bock mehr habe.
also machst gut und viel glück, dieser blog bleibt noch ungefair 1 bis 2 wochen stehen.”

Natürlich hat dies alles nichts mit den gegen ihn laufenden Verfahren zu tun. Ich hoffe mal, dass die Staatsanwaltschaft seine Seite gerichtsverwertbar gesichert hat und dass ihm professionell geholfen wird.


7/08/2010

Einzeltäter, deutschlandweit – Von Hitzköpfen und Zufallsopfern

Na toll! Gestern schrieb ich noch bei Facebook, ich sei “heute ausnahmsweise mal für Deutschland, damit sie gegen Holland verlieren können. Ich hoffe, die Opfer des nationalen Taumels der nächsten Tage können mir verzeihen”. Natürlich war ich dennoch zufrieden mit dem Ergebnis und begab mich auf den Weg zum Ludgerikreisel in Münster. Da sich dort nach siegreichen Spielen der deutschen Nationalmannschaft Szenen wie im nachfolgenden Video abspielen, war ich neugierig, wie sich die Deutschen diesmal verhalten würden.

 

 

Am ‘Kreisel’ angekommen, berichteten mir zwei Bekannte, dass es schon einige Schlägereien gegeben hätte, zudem hätten Deutschlandfans eine spanische Flagge verbrannt und vereinzelt Gegenstände auf Fans der spanischen Mannschaft geworfen. Die IVZ berichtet ebenfalls:  “An mehreren Stellen in der Stadt gab es Schlägereien.” Beim WDR zeigte man sich hingegen enttäuscht, dass die Deutschen hinter den Erwartungen zurückblieben: “Kaum Krawalle nach WM-Niederlage”. Eine kleine Gruppe junger Männer sang hinter uns: “Spanien ist das schwulste Land der Welt”, eine andere Gruppe hatte sich das WM-Motto aus dem Jahr 2006 - “Die Welt zu Gast bei Freunden” - zu Herzen genommen und skandierte nun folgerichtig rassistisch “Ihr könnt nach Hause fahr’n” in Richtung der spanischen Fans.  Nachdem zunächst einige Deutschlandsfans friedlich mit denen der spanischen Mannschaft feierten, bildete sich eine große Gruppe, die die Spanier lautstark zu überstimmen versuchten. Wahrscheinlich wollten sie die Fans der Gegenseite daran erinnern, wer hier Herr im Hause ist. Laut Polizeiangaben versammelten sich in Münster ca. 1000 Menschen.

 

Da es sich in anderen Städten Deutschlands nicht anders verhielt, hier nun eine kleine Presseschau:

 

Mühlhausen

Tödlicher Streit um Fußball

Nach dem WM-Halbfinale Deutschland-Spanien ist im thüringischen Mühlhausen ein Mann auf offener Straße erstochen worden. Ein 20-jähriger Tatverdächtiger wurde in der Nacht zum Donnerstag festgenommen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Der Mann gestand die tödliche Attacke, will aber aus Notwehr gehandelt haben. Ein Passant hatte den schwerverletzten Mann entdeckt. Der 21-Jährige starb auf dem Weg ins Krankenhaus an seinen Stichverletzungen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatten sich die beiden Männer zuvor gestritten. Dabei sei es «wohl um Fußball gegangen», sagte ein Sprecher. Bei einer Vernehmung gab der Täter an, er sei von dem anderen Mann angegriffen worden und habe sich zur Wehr gesetzt.

(Quelle)

 

Berlin

Berliner Polizei nimmt 64 gewalttätige Fans nach WM-Aus fest

Bei den öffentlichen Übertragungen des Fußball-WM-Halbfinales Deutschland gegen Spanien hatte die Berliner Polizei am Mittwoch mehr zu tun als bei den vorangegangenen Spielen der deutschen Elf. Insgesamt wurden 64 Personen im Zusammenhang mit gewalttätigen Vorkommnissen am Rande der Fanfeste festgenommen, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte. Fünf Polizeibeamte erlitten Verletzungen.

Auf Deutschlands größtem Fanfest an der Siegessäule mussten Beamte frühzeitig gegen gewalttätige Zuschauer einschreiten, die sich prügelten, randalierten oder Feuerwerkskörper abbrannten. Einzelne Personen hätten sich aggressiver als bei den vorangegangenen Veranstaltungen gezeigt, sagte ein Sprecher. Auch sei schon vor Spielbeginn erhöhter Alkoholkonsum festgestellt worden.

Vereinzelt setzten Polizeibeamte auf dem Fanfest Pfefferspray gegen gewalttätige Personen ein. Nach Spielende strömten die meisten der rund 350 000 Zuschauer auf der Fanmeile friedlich nach Hause. Rund um den Potsdamer und Pariser Platz sowie am Rande der Fanmeile kam es laut Polizei allerdings wiederholt zu Körperverletzungen und Sachbeschädigungen.

Die in Charlottenburg eingerichteten Straßensperren hob die Polizei in Anbetracht der Niederlage der DFB-Elf schon kurz nach Spielende wieder auf. Ein Autokorso fand den Angaben zufolge nicht statt. Am Kurfürstendamm nahmen Polizeibeamte mehrere Gewalttäter fest.

(Quelle)

 

Karlsruhe

 

Aggressive Fans nach WM-Aus

Karlsruhe/Schwäbisch Gmünd - Nicht alle deutschen Fußballfans haben das Aus der Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft sportlich genommen. In vielen Städten des Landes kam es nach dem Spiel am Mittwochabend zu Schlägereien und Randale. Polizisten hatten alle Hände voll damit zu tun, die Streits zu schlichten.

In Karlsruhe hat ein enttäuschter und betrunkener Fußballfan nach dem verpatzten Einzug ins Finale zwei Polizisten verletzt. Der 18- Jährige aus Freiburg sei völlig ausgerastet und habe einen Beamten mit einem Kopfstoß verletzt, einen zweiten mit einem Kniestoß gegen den Kopf. Er wurde nach Angaben der Polizei vom Donnerstag festgenommen und verbrachte die Nacht in einer Ausnüchterungszelle. Auch andere Randalierer wurden vorübergehend im Gewahrsam genommen.

Zum Feuerzeug griff ein frustrierter Fan in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis). Er wollte sein T-Shirt an einem Zaun verbrennen. Als ihn der Besitzer des Zauns und seine Frau deswegen ansprachen, schlug er ihnen ins Gesicht.

Ein 18-jähriger Deutschland-Fan brachte in Albstadt (Zollernalbkreis) einen Konvoi zum Stocken, indem er sich vor das Fahrzeug einer jungen Frau stellte. Als sie links an dem Fahnenschwenker vorbeiziehen wollte, übersah sie ein Fahrzeug und stieß mit diesem zusammen. Der Mann wird nach Polizeiangaben wegen Nötigung angezeigt, die Autofahrerin muss mit einer Strafe wegen Verstoßes gegen die Verkehrsordnung rechnen.

(Quelle)

 

Den Angaben zufolge war die Stimmung im gesamten Karlsruher Stadtgebiet «gereizt». Zum Teil mussten die Beamten Platzverweise erteilen. Mehrere Personen wurden in Gewahrsam genommen.

(Quelle)

 

Ludwigsburg

 

Aggressive Stimmung nach WM-Niederlage

Nachdem rund 9.000 Fans die Übertragung an den sechs größen Übertragungsplätzen verfolgt hatten, kam es in der Folge bis gegen Mitternacht vor allem in der Ludwigsburger Innenstadt zu Pöbeleien und Sachbeschädigungen durch enttäuschte deutsche Fans, die ein konsequentes Einschreiten mitunter starker Polizeikräfte erforderten. Die vielerorts spürbare aggressive Grundstimmung verstärkte sich noch, nachdem sich feiernde spanische Fans zu einem Autokorso formierten. Ein Einsatzfahrzeug wurde in der Grönerstraße aus einer größeren Personengruppe heraus mit einer Bierflasche beworfen, die eine Seitenscheibe durchschlug. Es entstand Sachschaden von etwa 1.000 Euro. Die Beamten blieben unverletzt.

(Quelle)

In Ludwigsburg herrschte nach Polizeiangaben vielerorts eine «aggressive Stimmung». Bis Mitternacht kam es vor allem in der Innenstadt zu Pöbeleien und Sachbeschädigungen. Aus einer Gruppe heraus wurde ein Einsatzfahrzeug der Polizei mit einer Bierflasche beworfen. Dabei wurde die Seitenscheibe durchschlagen. Verletzt wurde niemand.

(Quelle)

 

Ahlen

 

Randale nach Abpfiff in Ahlen: Polizei verhindert Stürmung des „Las Tapas“

Fröhliches Feiern sieht anders aus: Mit einem massiven Polizeiaufgebot schirmten Einsatzkräfte am Abend unmittelbar nach dem Abpfiff des WM-Spiels Deutschland gegen Spanien das „Las Tapas“ ab. Es hätte Hinweise gegeben, dass „Idioten das Restaurant stürmen wollten“, hieß es aus der Leitstelle.

Mit sechs Fahrzeugen markierten die Ordnungshüter eine Trennlinie vor dem „Spanier“. Bereits eine halbe Stunde zuvor hatte die Polizei - ähnlich stark aufgestellt - den Marktplatz ein erstes Mal angesteuert. Während einer Kontrolle stießen die Beamten auf drei Jugendliche, die sich, so ein Sprecher, „nicht benehmen konnten“. Bei der Festnahme kam es zu Rangeleien.

Nach der 0:1-Niederlage hatten viele zumeist jugendliche Fans den Markt angesteuert und ihren Frust vor dem spanischen Restaurant lauthals skandiert.

(Quelle)

Massiv aggressiv: Zufallsopfer geschlagen und getreten

Im Visier der Fahnder: drei junge Männer im Alter von 18, 19 und 23 Jahren. Sie sollen gegen 21.45 Uhr einen 20-jährigen Fan auf dem „Alten Hof“ angegriffen haben, als er auf dem Weg zu einer Markt-Gaststätte war. „Sie beschimpften den 20-Jährigen grundlos und reagierten aggressiv“, so Artmann. Ein angetrunkener 18-Jähriger schlug dem Opfer mit der Faust ins Gesicht. Dabei stürzte er zu Boden. Einer der beteiligten trat ihm noch gegen den Oberkörper. Der Verletzte konnte sich aufrichten. Er eilte in eine Gaststätte und rief die Polizei. [...] Dagmar Artmann begründet den massiven Polizeieinsatz mit dem hohen Aggressionspotenzial, das von den Krawallmachern ausgegangen sei. „Sie hatten Lust, Randale zu machen. Der 20-Jährige war ein Zufallsopfer.“ [...] Nach Spielabpfiff kehrten die Einsatzkräfte auf den Marktplatz zurück. Gäste des spanischen Restaurants fühlten sich bedroht, nachdem Jugendliche von anderen Übertragungsorten ihren Ärger über die deutsche Niederlage lauthals Luft machten und die Schuldigen am Markt ausmachten (die „AZ“ berichtete). Die Polizei demonstrierte abermals mit sechs Fahrzeugen und zwei Dutzend Einsatzkräften Stärke und platzierte ihren Fuhrpark vor dem Restaurant. Später entspannte sich die Lage. Die Spanier feierten mit Verspätung.
Bereits vor zwei Jahren war die Situation nach dem finalen EM-Aus Deutschlands gegen Spanien vor dem „Las Tapas“ eskaliert. Seinerzeit hatten Rechtsgesinnte Stimmung gemacht. Es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, Feuerwerkskörper flogen in den Schankraum. Die Polizei nahm seinerzeit fünf Provokateure fest.

(Quelle)

 

Lüdenscheid

 

Jagdszenen auf stolze Träger spanischer Fahnen waren gestern Abend der traurige Tiefpunkt der vorübergehend aggressiven Stimmung nach der Halbfinalniederlage der deutschen Mannschaft. Für versöhnlichere Töne sorgten einige Fans, die später mit einer deutschen Fahne durch die Stadt zogen und eine Probe ihrer Gesangskunst gaben: „E viva España“.

Polizei und Sicherheitskräfte hatten die Lage jedoch sehr schnell im Griff, und die Fahnenträger waren klug genug, ihren Auftritt im Rosengarten mit einem flinken Abgang zu krönen. Zuvor war die Zahl der Fernseher in und um die Altstadt weiter gestiegen: Futterkrippen und Eisdielen hatten sich der Nachfrage nach kleinen und größeren „Public Viewing“-Gelegenheiten nicht mehr entziehen können.

(Quelle)

 

Kreis Mettmann

 

Nach der deutschen Halbfinal-Niederlage gegen Spanien hat es im Kreis Mettmann einige Schlägereien gegeben. Enttäuschte Deutschland-Fans Flaschen und Feuerwerkskörper auf Spanier. Die Polizei musste mehrmals eingreifen, um Fangruppen zu trennen und einzelne Personen in Gewahrsam zu nehmen.

An einer Kreuzung in Hilden geriet ein spanischer Autofahrer in eine Gruppe deutscher Fans, die ihn nicht weiterfahren ließen. Der spanische Fußballfan fühlte sich bedroht. Beim Versuch, langsam weiterzufahren, wurde ein deutscher Fan angefahren und leicht verletzt. Die Polizei konnte die Gemüter beruhigen.

(Quelle)

 

Ingolstadt

 

Frust nach Fußball- Pöbeleien in Ingolstadt

Eine teils aggressive Stimmung aufgrund der Niederlage der deutschen Mannschaft gegen Spanien hat gestern Abend auf dem Ingolstädter Rathausplatz zu Schlägereien geführt. Gegen 18 Uhr waren bereits rund 4.000 Fußballfans versammelt, kurz nach 20 Uhr wurde niemand mehr hereingelassen.

Deswegen wurde der Sicherheitsdienst immer wieder von aggressiven und angetrunkenen Fans angepöbelt.
Ein Polizeibeamter wurde bei der Auseinandersetzung mit einem 19-jährigen Ingolstädter verletzt.
Nach dem Spiel wurden einige Spanier und auch südländisch aussehende Gäste angepöbelt und auch angegriffen.
Zu kleineren Stänkereien kam es beim Fußballschauen auf dem Pfaffenhofener Sparkassenplatz. Im großen und ganzen verhielten sich die rund 2.000 Fans dort aber gesitteter. In Neuburg und Eichstätt meldet die Polizei keine Vorkommnisse, in Schrobenhausen dagegen kam es zu einer Schlägerei mit neun Beteiligten in der Altstadt.
Nach drei Angreifern wird noch gesucht.

(Quelle)

 

 

Reutlingen/Pfullingen (Man beachte die Wortwahl!)

Lediglich einige Hitzköpfe, meist unter Alkoholeinwirkung stehend, gaben ihrem Frust freien Lauf und waren in körperliche und verbale Auseinandersetzungen verwickelt. So ließ sich ein 20-jähriger, der deutlich unter Alkoholeinwirkung stand, zunächst zu einer Körperverletzung hinreißen, indem er Tische und Bänke gegen andere Fans warf und sich anschließend in der Albstraße selbst durch das Einschreiten der Polizei nicht beruhigen ließ. Er musste seinen Frust in der Zelle der Polizei abbauen und muss mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen.

Ein 29-jähriger geriet mit mehreren spanischen Fans in Streit und musste nach einer körperlichen Auseinandersetzung, bei dem ein 18-jähriger Reutlinger verletzt wurde, in Gewahrsam genommen werden. Den Weg in die Zelle konnte der alkoholisierte Störenfried laut Polizeibericht nur abwenden, weil ihn seine Mutter mit nach Hause nahm.

Gegenüber weiteren neun übermütigen Fans wurde wegen aggressiven Verhaltens ein Platzverweis ausgesprochen und sie wurden nach Hause geschickt.

(Quelle)

 

Und in ganz Deutschland

In allen Städten gab es Autokorsos spanischer Fans. Diese verliefen abgesehen von Rufen frustrierter deutscher Fans zum Großteil friedlich.

(Quelle)

 

Warum das alles? Die Berliner Polizei hat eine plausible Erklärung: “Insgesamt sei die Stimmung aggressiver gewesen als bei den letzten Übertragungen von Deutschland-Spielen. Dies liege vermutlich daran, dass deutlich mehr Alkohol konsumiert wurde.”

 

Leseempfehlung

Wie ich grade sehe, ist das versprochene Fußball-WM-Special der Rubrik “No-go-area Deutschland” der Zeitschrift Konkret veröffentlicht worden:

Neonazi-Randale, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und zwei Tote: so die Bilanz des "fröhlichen Partyotismus" bis zum Aus der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-WM. Aus gegebenem Anlaß präsentiert KONKRET diese Spezialausgabe der Chronik aus dem ganz normalen "Fußball-Deutschland". weiterlesen...