6/03/2010

Die Jeninmethode

Pille - Palle - Alle Pralle
Druff - Druff - Druff - Druff -Druff
Verpeilt und verschallert, alle verballert
Druff - Druff - Druff - Druff – Druff


Antisemitismus, so schrieben Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung, beruhe auf falscher Projektion. In gewissem Sinn sei jedoch alles Wahrnehmen Projizieren. "Das Pathische am Antisemitismus ist nicht das projektive Verhalten als solches, sondern der Ausfall der Reflexion darin." An der gegenwärtigen Farce lässt sich zweierlei studieren: Zum einen, dass das reale Verhalten seines Objekts belanglos ist und dass es deswegen zweitens darauf ankommt, sich ein Bild des Juden zu basteln, dass zugleich faktenfrei ist und dennoch für den Antisemiten unhinterfragbare Evidenz besitzt.

"Die faschistische Propaganda attackiert eher einen Popanz als wirkliche Gegner, das heißt, sie erzeugt Bilder vom Juden [...] und reißt sie in Stücke, ohne sich sonderlich um deren Realitätsgehalt zu kümmern." (Adorno)

Der Inhalt und Zweck dieser Bildkonstruktion besteht in nichts anderem als in der Schaffung der Eigenidentität des Kollektivs ex negativo. Waren die Juden im klassischen Antisemitismus das "Gegenbild zur nationalen Gemeinschaft" (Rensmann/Schoeps), so avancieren sie im Antizionismus zum Gegenbild der internationalen Gemeinschaft. Die Botschaft beider lautet: "Die Juden sind unser Unglück!" Wesentliches Mittel der Umsetzung von Faktenfreiheit und Kollektivkonstitution sind die Selbstbezüglichkeit und Selbstgenügsamkeit der Akteure im 'israelkritischen Diskurs': Anstatt die Fakten zu benennen und wenigsten ein 'in dubio pro reo' zu formulieren, zitieren die empörten Beteiligten andere empörte Beteiligte und wiederholen dies mantraesk solange, bis auch der Letzte glaubt, dass bei soviel Empörung doch irgendwie etwas an den Vorwürfen dran sein muss.

Was war geschehen?

Eine bunte Mischung aus antizionistischen Schriftstellern, Politikern, Nobelpreisträgern und Djihadisten (siehe auch hier), also kurz: Helfern oder (Friedens-)Aktivisten, war aufgebrochen, um Israel in eine loose-loose-Situation zu bringen. Entweder, die Blockade des Gazastreifens würde zerbrechen und somit ein Einfallstor für Waffenlieferungen an die Hamas geöffnet, oder aber das israelische Militär müsste die sich als Friedensaktivisten Gerierenden mit Gewalt von ihrem Vorhaben abbringen. Hamasführer Ismail Haniya konnte sich also schon vor dem Ausgang der Aktion freuen: "Gaza flotilla a triumph. [...] If the ships reach Gaza, it's a victory for Gaza. [...] If they are intercepted and terrorized by the Zionists, it will be a victory for Gaza, too". Frohgemut und unter antisemitischem Seemannsgeträller zogen die Schiffe gen Gaza, um entweder die Blockade zu durchbrechen oder aber der Welt die Brutalität des zionistischen Apartheidsregimes vor Augen zu führen. Für den absoluten Glücksfall Notfall eines Beschusses durch die israelische Armee hatte man vorsichtshalber auch Kinder mit an Bord genommen.


Beinahe hätte Israel dem Anliegen der Flotte einen Strich durch die Rechnung gemacht. Diese hatte den "Aktivisten" nämlich angeboten, die "Ladung freiwillig in Aschdod zu löschen. Man werde die Hilfsgüter dann an die Vereinten Nationen übergeben, die sie auf dem Landweg nach Gaza bringen könnten. Zuvor wollten die Israelis nur prüfen, ob zwischen den Hilfsgütern möglicherweise auch Waffen versteckt seien." Zudem

"bot die Familie des vor vier Jahren von der Hamas entführten Soldaten Gilad Schalit den Organisatoren an, sich bei der Regierung in Jerusalem dafür einzusetzen, die Friedensflotte nach Gaza zu lassen. Im Gegenzug wünschten sich die Schalits, die Passagiere der "Friedensflotte" mögen sich bei der Hamas dafür einzusetzen, dass ihrem Sohn ein Paket mit Lebensmitteln und Briefen übergeben werden dürfe. Auch dieses Ansinnen wurde abgelehnt." (Welt via lindwurm)

Wäre das Anliegen der Flotte allein die humanitäre Versorgung der Menschen in Gaza bzw. "eine 'rein zivile Mission' in internationalen Gewässern" (Norman Paech) gewesen, so hätte man sich also auch anders entscheiden können. Hätte man es nicht auf die Sympathien der antiisraelischen Bevölkerung weltweit, sondern auf die Sympathien der israelischen Bevölkerung abgesehen - so hätte es funktionieren können. Und man hätte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können: die Hungerleider hätten was zu beißen (d.h. man könnte, wenn denn Hunger und Leid die Motivation gewesen wären, Nachts wieder schlafen) und die Meinung der israelische Bevölkerung würde sich zu ihren Gunsten entwickeln und Druck auf ihre Regierung ausüben. Hätte, hätte, popette...


So kam es wie es kommen musste. Wie vorher angekündigt, verhinderte Israel nach einer Vorwarnung die Einfahrt des Schiffes nach Gaza. Bei der Wahl zwischen Pest (Blockadebruch) und Cholera (gewaltsame Einnahme des Schiffes) entschied man sich für Schnupfen. Mit Paintballgewehren bewaffnet und dem strikten Befehl, nur im Notfall zu schießen, enterte eine israelische Spezialeinheit das Schiff. Die Friedensaktivisten erwiesen sich jedoch weniger friedlich als erwartet (fast alle Videos und weitere Infos finden sich hier), so dass die israelischen Soldaten in Notwehr ihre Zweitwaffe zogen und sich verteidigten. Israel ging nicht davon aus, auf so heftigen Widerstand zu stoßen; wahrscheinlich beging die IDF den Fehler, der Selbstdarstellung der "Aktivisten" (siehe auch hier) Glauben zu schenken und diese für Baumumarmer zu halten, denen einzig eine Sitzblockade zuzutrauen ist. Israel daraus jedoch einen Vorwurf zu häkeln, ist mehr als perfide: hätten sich die Soldaten besser bewaffnet und mit mehr Material ans Kapern gemacht, der internationale Aufschrei wäre nicht leiser gewesen. Man hätte, wie auch jetzt, die Frage nach der Verhältnismäßigkeit aufgeworfen und Israel vorgeworfen, mit Kanonen auf Spatzen Tauben zu schießen. Die Anklage gegen Israel, nicht besser bewaffnet und mit mehr Brutalität und Entschlossenheit ans Werk gegangen zu sein, läuft auf den Vorwurf hinaus, dass die IDF niemanden töten wollte. Dass "Israel jedes Maß verloren hat" und es jetzt zu einem "Massaker an den Free-Gaza-Aktivisten" (Götz Aly) kam, ist das Resultat der Kampfhandlungen an Deck und der Notwehrsituation, die die Free-Gaza-Aktivisten geschaffen haben - und schaffen wollten.

Die Reaktionen

Der empörte Aufschrei der deutschen Presse, die, wenn es um Juden geht, einer Gleichschaltung kaum bedarf, ließ freilich nicht lange auf sich warten. Dabei tat sich, wie immer, der linke Rand des "Meinungsspektrums" besonders hervor; was aber nicht heißt, dass der Rest, abgesehen von Springers Welt (denen ja der Antisemitismus per Arbeitsvertrag verboten wurde, und sich dann die Frage stellt: wohin mit der Energie?), nicht das Gleiche schreibt. Es ist aber schlichtweg zu mühselig, alles rauszusuchen und immer auf den gleichen Mist zu stoßen. Deswegen hier nur einige Ausschnitte. Also: Nachdem bereits Videos des Vorfalls bekannt waren (und somit wider besseren Wissens), schrieb die notorisch antisemitische antizionistische junge Welt unter der Überschrift "Israel tötet Gaza-Helfer":

Nach Angaben von Journalisten an Bord des Leitschiffs »Mavi Marmara« erfolgte der Angriff gegen 5 Uhr am Montag früh. Dabei seilten sich schwerbewaffnete Elitesoldaten von Hubschraubern auf das Schiff ab und begannen ohne Vorwarnung zu schießen. Die Szenen wurden von der Bordkamera live übertragen.

Auf das entsprechende Video, dass als Beleg dieser Aussagen herbeizitiert wird, darf man wohl vergebens weiterhin gespannt warten; sollte das bereits existierende gemeint sein, so bestätigt dies diese Aussage in keinster Weise. Auf das gleiche Video spielt auch "Free Gaza"-Sprecherin Greta Berlin an und liefert noch eine Verschwörungstheorie frei Haus:

Liveaufnahmen der Bordkameras der »Mavi Marmara« zeigten, »wie die Soldaten an Deck landeten und zu schießen begannen. Kein Mensch hat sie angegriffen.« Das israelische Militärvideo, das Kämpfe zeige, weise keine Zeitangabe auf, so Berlin weiter: »Warum wohl nicht?« Die Aktivisten hätten sich erst verteidigt, nachdem es die ersten Toten gab.

Timecode hin oder her: auch dieser ließe sich fälschen und er dient an dieser Stelle nur als Pseudobeleg für ein Urteil, das die werte Greta apriori gefällt hat. In der TAZ hingegen findet der alte Mythos 'Steine gegen Panzer' neue Nahrung:

Mit Stangen und Hilfslieferungen gegen Maschinengewehre - das ist eine präzise Metapher für den Nahostkonflikt im Moment. Es ist ein Kampf mit ungleichen Waffen, in dem ein hochgerüstetes Militär und ein effektiver Unterdrückungsapparat jeden Widerstand gegen die Besatzung erstickt.

Zum Glück, will man meinen. Außer man unterstellt Israel, was man nur Israel unterstellen kann und sich in dieser schönen Stilblüte aus dem Jahr 2006 bei Focus-online findet: "Israel droht mit Selbstverteidigung". Wenn man etwas ahnt und dies auch zum Ausdruck bringen will, es einem jedoch das Neutralitätsgebot der Presseethik o.ä. verbietet, so sucht man sich einen zitierbaren nützlichen Idioten. Deswegen ließ man sich von Jamal Zahalka, dem Vorsitzende der palästinensischen Knesset-Fraktion Balad, bestätigen, was man sowieso denkt:

Israel hatte von vornherein geplant, hart zuzuschlagen. Die Soldaten sollten Leute töten, um andere abzuschrecken. [...] Wer ein Schiff kapert, handelt nicht aus Notwehr. Schon vor einer Woche hat ein Sprecher der Armee gesagt, die Schiffe sollten um jeden Preis abgefangen werden, bevor sie Gaza erreichen. Wir sehen jetzt, welchen Preis die Aktion forderte. Vielleicht hat die israelische Führung nicht über neunzehn Leute entschieden, die umgebracht werden sollten, vielleicht auch nicht über zehn. Sicher aber ist, dass jemand sterben musste, um den Abschreckungseffekt zu erreichen.

In der FR hingegen macht man sich ernsthaft Sorgen und zerbricht sich Israels Kopf:

Die Regierung Netanjahu manövriert sich ins internationale Abseits. Dabei müsste sie sich im Interesse Israels in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Mit der gewaltsamen Übernahme der internationalen "Solidaritätsflotte für Gaza" brachte sie Freund und Feind gegen sich auf. Auch weil sie versuchte, die Angegriffenen für die Todesopfer verantwortlich zu machen, da diese die Soldaten angegriffen hätten. Das ist schon ein starkes Stück. [...]Israel liefert Gegnern wie der radikalislamischen Hamas und dem Iran nur weitere Argumente für deren antiisraelischen Kampf.

Das dies nicht unbedingt gegen Israel spricht, sondern vielmehr gegen "Freund und Feind" und denen, die "Gegnern wie der radikalislamischen Hamas und dem Iran" ihre Argumente abkaufen, kommt dem Deutschen, der nur das Beste für Israel will, natürlich nicht in den Sinn. Zudem ist man bei der FR sehr darum bemüht, den Nährboden für diese Argumente zu hegen und zu pflegen:

Plötzlich stehen sie da: schwarz vermummte Soldaten, die sich aus Militärhubschraubern abgeseilt haben. Dann geht es Schlag auf Schlag. Schüsse fallen, panische Schreie tönen über das Deck. [...] Die Free-Gaza-Bewegung ist über anderes geschockt. Sie hat sich stets zur Gewaltfreiheit bekannt. Man war darauf eingestellt, dass die Israelis intervenieren würden, um die Flottille vom Kurs auf Gaza abzubringen und zwangsweise in den Hafen von Aschdod zu geleiten. Aber nicht auf ein derartiges Blutvergießen.

Im FR-Blog ist man da schon weiter. Da weiß man, wie jüdische israelische Medienpolitik funktioniert: "Die israelischen Behörden zeigten Bilder von Knüppeln, Eisenstangen, Steinen, die bei der Durchsuchung der Schiffe gefunden worden seien. Man mag das glauben, man muss es nicht. Solche Befunde lassen sich fälschen." Sicherlich: solche Befunde ließen sich fälschen. Nur gibt es derzeit keinen Grund und auch nicht den Hauch eines belegbaren Anfangsverdachts, der diese Deutung nahelegen würde.

Da über den Onlinemedien permanent die Auschwitzkeule das Damoklesschwert des 'Schuldkults' schwebt, führten sie ein als Kommentarfunktion getarntes Ressort 'Gesundes Volksempfinden' ein. In den Kommentaren zu obigen Artikel übersetzen "Chiara und Jürgen Bianchi-Nase aus Ulm" die Botschaft des antiisraelischen Exzesses, damit auch das letzte i-Männchen versteht, worum es hier eigentlich geht. Dazu fordern sie vom Leser jedoch ein wenig Phantasie:

Stellen Sie sich folgendes vor: Menschen versuchen Hilfsgüter in ein großes Konzentrationslager zu bringen und werden bei diesem Versuch in internationalen Gewässern angegriffen und ermordet. Wenn jemand versucht hätte in deutsche Konzentrationslager Hilfe zu bringen wie hätte Israel diese Menschen bezeichnet? Sicher als Helden! Heute errichtet Israel selbst Konzentrationslager, denn die Blockade Gazas ist nichts anderes als ein einziges großes Konzentrationslager.

Wenn die Argumente fehlen - Die Jeninmethode

Halten wir fest:

  1. Unter der Maßgabe, dass Israel an der Blockade Gazas festhalten will, gab es für Israel drei Möglichkeiten: Schiff durchlassen, Schiff abschießen oder, wie geschehen, das Schiff entern. Hierbei haben sich die Soldaten insofern vorbildlich verhalten, als dass sie als Primärwaffen Farbpistolen trugen und erst in Notwehr schossen. Soviel auch zur gegenwärtig diskutierten Angemessenheit der Mittel; die Mittel waren angemessen im Sinne von: 'So wenig wie möglich und nötig'. Lediglich die Einschätzung der Gewaltbereitschaft und der Gewalttätigkeit der Aktivisten war jedoch falsch. Dies ist der Stand der Dinge, wer anderes behauptet, ist in der Bringschuld.
  2. Wäre es einzig um die Versorgung der "palästinensischen" Bevölkerung in Gaza gegangen, so wäre ein anderer Weg möglich gewesen. Gemessen an diesem Anliegen wäre er sogar besser gewesen, da er die israelische Bevölkerung 'mitgenommen' hätte. Da es sich im Hinblick auf den Zweck jedoch vielmehr um eine 'militärische' als um eine 'humanitäre Aktion' handelte, haben die 'Aktivisten' Israel in eine Lage bringen wollen und gebracht, in der es nur 'falsch' handeln konnte. Es war also ein Skandal mit Ansage und somit ist die Empörung der Beteiligten nichts als Heuchelei.
  3. Die Beteiligten waren keine wehrlosen Aktivisten, sondern Antiziosemiten und Djihadisten; vielleicht waren auch ein paar allzu gutgläubige Gutmenschen darunter, das lässt sich nicht ausschließen. Entgegen ihrer Selbstdarstellung, die das Gros der deutschen Presse übernommen hat, waren es keineswegs 'einfach friedliche Aktivisten', die der Gewalt der IDF wehrlos gegenüberstanden. Und auch wenn es 'irgendwie' verständlich ist, dass sie das Schiff nicht widerstandslos räumen lassen, so sind die Toten Produkt der daraus resultierenden Auseinandersetzungen. Diese Auseinandersetzungen wurden bewusst als Option in Kauf genommen und betrieben.
  4. Was das Völkerrecht angeht: Die Situation ist vollkommen unklar und hängt letzten Endes von der Einschätzung des Status Gazas sowie der Besetzung ab. Alle Verlautbarungen, die Israels Handlungen mit Bezug auf das Völkerrecht legitimieren (siehe auch hier, §67) oder delegitimieren wollen, sind falsch. Hier hat die TAZ ausnahmsweise einmal fast recht, wenn sie schreibt: "Angriff völkerrechtlich umstritten". Umstritten heißt jedoch vielmehr: nicht eindeutig definiert und somit nicht vom Recht erfasst. Eine völkerrechtliche Verurteilung Israels wäre nur vermittels eines Dezisionismus möglich; sie würde mehr über den Richter sagen als über den Gerichteten. Abgesehen davon sollte in einer solchen Debatte nicht über Recht und Unrecht, sondern über richtig oder falsch entschieden werden. Ähnliches gilt auch für die Frage, wie viele Kilometer vor der Küste die Übernahme erfolge: Als wäre die Kilometerzahl der Anlass der Hetzmeute, sich aufzuregen. Zudem: das mit dem Völkerrecht ist eh so eine Sache...

Die gegenwärtige Faktenlage ist zwar dürftig, jedoch recht eindeutig. Natürlich wäre es möglich, dass alles gefälscht wurde und Israel eigentlich anders gehandelt hat. Nur gibt es zur Zeit keinen Anhaltspunkt, der diese Meinung auch nur annähernd legitimieren könnte. Was es gibt ist allein der Wunsch, dass es so ist. Für jeden vernünftigen Menschen würde die bedeuten, dass er sich mit einem 'in dubio pro reo' entspannt zurücklehnt und abwartet. Da Aufklärung jedoch nicht die Absicht der antiisraelischen Volks Völkergemeinschaft ist, müssen sie versuchen, entgegen allen Fakten Stimmung gegen Israel zu machen. Doch wie geht das? Das Stichwort lautet: Jenin!

Die Masse als Argument ihrer selbst

Man muss Slavoj Zizek nicht mögen(!), jedoch hat er zum ideologischen Gehalt des Nationalismus einmal etwas gesagt, dass sich, mutatis mutandis, auch auf die die gegenwärtige Welle der Empörung anwenden lässt. Das Wunder und der ideologische Kern des Nationalismus bestehe darin, dass es so etwas wie eine Nation nicht existiert, es sich jedoch nicht leugnen lässt, dass sie durch den Nationalismus, also letztlich durch sich selbst, wirklich wird. Seine These ist nun, dass der Glaube an die Nation die Nation wirklich werden lässt, und diese Wirklichkeit wiederum den Glauben hervorbringt: ein klassischer circulus vitiosus. Die Gemeinschaft der Gläubigen entsteht durch den Glauben an die Gemeinschaft der Gläubigen; analog zum Heiligen Geist des Katholizismus.

Ähnliches geht gegenwärtig vonstatten: Was macht ein Empörter, der partout an seinem Urteil festhalten will, ihm aber die Belege für seine Behauptungen fehlen? Nun, zunächst einmal könnte man den Paech machen und einfach platt lügen (zur Erinnerung: er sprach von "zwei oder drei Holzstäben"). Man könnte auch halluzinieren und Israel etwas unterstellen, was es zwar nicht getan hat, aber irgendwann einmal tun könnte (auch wenn in Mankells Wahnphantasien natürlich ein wenig Realität steckt, nämlich die psychische Realität von Wunsch und Wunscherfüllung; aus irgendeinem Grund kommt ihm immer, wenn Es er an Israel denkt, zugleich die Vorstellung seines eigenen Opfertodes in den Kopf). Zum anderen kann man sich in Medienmanipulationsthesen ergehen. Dies alles ist nicht unwirksam, jedoch fehlt diesen Maßnahmen die Bindekraft. Das ideale Vorgehen müsste zweierlei zugleich leisten: Zum einen müsste sich Israel ohne Beweise verurteilen lassen, zum anderen muss sich in dieser Verurteilung die Gemeinschaft der Empörten als Kollektiv konstituieren und vor allem: fühlen können. Doch wie kann das funktionieren? Was macht denn nun ein Empörter, dem die Argumente fehlen und der dennoch an seinem Urteil festhalten will, um seinen Zeitungsbeitrag vollzumachen? Ganz einfach: er zitiert andere Empörte, deren Empörung dann als Beleg seiner eigenen Haltung durchgehen sollen!

Anstatt also aufzuklären, dass es - wenn auch vielleicht nur nur vorläufig - bis jetzt nichts gibt, was sich Israel ernsthaft vorwerfen ließe, und anstatt die weltweite Empörung mit Verwunderung zur Kenntnis zu nehmen, ignoriert man die Sachlage und geht gleich zur Darstellung der weltweiten Empörung selbst über, bis sich auch der letzte Vollidiot denkt: 'Na, wenn sich so Viele aufregen, dann wird schon was dran sein.'

Wie immer stellt die TAZ die Avantgarde der Bewegung: Nachdem man sich unter dem Titel "Was geschah wirklich an Bord?" auf ein 'Die einen sagen so, die anderen so' rausgeredet hat, kann man sich eine Bewegung stricken: 'Rückkehrer erheben schwere Vorwürfe', "Berliner Türken zu Israel: 'Sie wollten doch nur helfen!'", Große Empörung in Gaza, "Nach der Erstürmung des Hilfskonvois fordert die Türkei eine Bestrafung Israels", "Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton hat den israelischen Militäreinsatz gegen die 'Solidaritätsflotte' für Gaza verurteilt", "In Schweden wird der Angriff Israels auf den Hilfskonvoi mit deutlichen Worten verurteilt", und wo grad' sowieso alle dabei sind: "Schwedens Fußballverband gegen Israel".

Bei der Lektüre der SZ fühlt man sich ein wenig ins frisch wiedervereinigte Deutschland zurückversetzt. Damals fand es die Bundesregierung gar nicht gut, dass der deutsche Mob sich anmaßte, ihm sein Gewaltmonopol in Sachen Ausländerrecht streitig zu machen. Weil er ihr Anliegen teilte, jedoch die Mittel nicht gutheißen konnte, schaffte änderte er zur Belohnung das Asylrecht ab. Ähnliches durfte man nun von Seiten Amerikas hören. Anstelle sich zu einem eindeutigen Urteil in der Sache durchzuringen, nimmt man sich lieber der Anliegen des Pöbels an: "Der Gazastreifen ist in der arabischen Welt zum Symbol dafür geworden, wie Israel die Palästinenser behandelt, und wir müssen das ändern". Nachdem man sogar die Vertreter des ZOG auf seiner Seite hat, konnte man sich ans namedropping machen: "UN-Sicherheitsrat verurteilt Israel", "Linken-Politiker geißeln Israels Führung", "Proteste nach Angriff auf Gaza-Konvoi. 'Nieder mit Israel'", "Angriff Israels auf Hilfskonvoi. Erdogan fordert Strafe für 'blutiges Massaker'", "Angriff auf Gaza-Konvoi. Israel schockt den Nahen Osten", "Der israelische Staat hat es sich auf seinem Stammplatz am Pranger der Welt bequem gemacht und so schlimmen Schaden angerichtet".

Beim ganzen Rest (mit einigen Ausnahmen, versteht sich) sieht es nicht anders aus: Protest nach Angriff auf Gaza-Schiffe, Unmenschlich, inakzeptabel, verbrecherisch: Die internationale Gemeinschaft wählt harte Worte nach Israels Konvoi-Attacke, USA warnten Israel vor Eskalation, Wie in vielen Städten gibt es auch in Aachen Proteste gegen den Angriff des israelischen Militärs auf einen Schiffskonvoi mit Hilfsgütern, der auf dem Weg nach Gaza war, Proteste in Berlin gegen Attacke Israels, Angriff auf Gaza-Konvoi. Tausende demonstrieren in Europa gegen Israel, Uno fordert sofortiges Ende der Gaza-Blockade, Israel in der Isolation, 'Kriegserklärung Israels'. Weltweit kam es nach dem Massaker zu spontanen Protesten, usw. usw.


Perpetuum mobile der Ideologie

So schafft man sich durch die Berichterstattung genau die Empörung, über die dann berichtet werden kann. Ad infinitum. Ein perpetuum mobile, dessen Existenz in der Wissenschaft eigentlich für unmöglich gilt. Falls mal ein Energieausfall droht, kann man sich zur Not bei den Vollzeitbeschäftigten des Empörungssektors bedienen, die von den Gutmenschen und Antirassisten wieder mal als das gesehen werden, als was sie sich auch darstellen: als reine pawlowsche Reflexmasse; und für Nachschub ist auch schon gesorgt. Zudem kann man sich jederzeit im Fundus des Geschichtsrevisionismus und -Relativismus bedienen und aus Festnahmen Judendeportationen Deportationen durch Juden Israelis machen.


Das wichtigste bei alledem: Die Botschaft bleibt hängen und wird hängen bleiben. Wenn sich nach Untersuchung der Ereignisse rausstellen sollte, dass alles so war, wie es die IDF behauptet, wer wird das dann zur Kenntnis nehmen? Im öffentlichen Raum gibt es keine Verpflichtung und Möglichkeit, Richtigstellungen den gleichen Platz zu bieten wie der falschen Behauptung selbst. Und zur Not wird schon für den nächsten Skandal gesorgt. So kommt ein wenig Jeninstimmung auf: Auch dort war erst von einem Massaker die Rede und die weltweite Empörung war enorm; und wer, außer einer Handvoll Leute, die dass interessiert hat, wollte hinterher überhaupt wissen, dass es eine ganz normale, militärische Auseinandersetzung war?


Das Letzte: Schreibt nicht für Juden!


Ernst nehmen sollte man jedoch Mankells Drohung, nicht mehr für Juden auf Hebräisch schreiben zu wollen. Zudem musste er einige seiner Auftritte absagen - na wenn das mal kein Beleg für die feindliche Beziehung von Kultur und Zionismus darstellt.


1 Kommentar:

  1. Vielen Dank, für diese ausführliche Arbeit.
    Die Erinnerung an Jenin ist gewiß nicht falsch.
    Aber anscheinend ändern sich die äußeren Umstände momentan radikal.
    Die Flotillas haben seit Neuestem scheinbar Rückenwind von Ankara.
    So mündet die 'Arabische Straße', scheint's, neuerdings in den Taksim-Platz.
    Ist das nun die Quittung, für die Insultation der "privilegierten Partnerschaft"?

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Bitte mit Namen kommentieren, da man sich ansonsten immer auf anonym1, anonym2 usw. beziehen muß.