7/27/2010

Unser Holocaust – Der Juden Knacks und der Judenknacks

In Claudio Casulas vortrefflicher Liste "Was Israelkritiker sagen - und was sie wirklich dabei denken" fehlt ein wichtiges Exemplar. Die Aussage ‘Israel instrumentalisiert und relativiert den Holocaust, weil es Parallelen zwischen dem deutschen und dem arabisch-islamischen Antisemitismus zieht’ meint übersetzt:

Als Weltmeister der Geschichtsaufarbeitung haben wir Deutschen die Deutungshoheit in Sachen Antisemitismus - wer Antisemit ist, bestimmen wir! Seit geraumer Zeit hat die Holocaustindustrie ihr Tätigkeitsfeld auf Produktpiraterie ausgeweitet mit dem Ziel, selbstmächtig über das deutsche Eigentum Holocaust©, Auschwitz© und Shoah© zu verfügen. Dabei weiß jeder, dass es sich nur um zweitklassige Imitate handeln kann, deren Qualität niemals an made in germany heranreichen wird. Schlimmer noch: Die Unterstellung, Israel sehe sich Kräften gegenüber, die auf seine Vernichtung abzielen, ist nichts als Demagogie und Propaganda, weswegen sich nicht nur Gleichsetzungen, sondern auch schon Vergleiche verbieten.

Ein Beispiel für diese Haltung fand sich heute in einem  Kommentar von Daniel Bax, der in der antisemitischen Debattenreihe ‘Unser Israel’ (bei Bax ist das Programm) unter dem Titel ‘Wir Israelversteher’ in der TAZ erschien: "Solche Gleichsetzungen relativieren den Holocaust, der ein einzigartiges Verbrechen war, das bekanntlich von Deutschen begangen wurde”, sagt er beleidigt und stolz zugleich. “Muss man betonen, dass sich die politische Lage im heutigen Nahen Osten nicht annähernd mit der Verfolgung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs vergleichen lässt?”

Das iranische Atomprogramm, Ahmadinedschads Vernichtungsdrohungen, die Charta der Hamas (mit der entsprechenden Praxis), judenfreie Länder unter islamischer Herrschaft; dazu noch eine äußerst selektive und israelfeindliche UN, eine ignorante Weltöffentlichkeit,  usw. – das sind für Bax jüdisch-israelische Einbildungen, oder, in seinen Worten: ”Alarmismus”, “Demagogie”, “natürlich Propaganda”, “historische Kurzschlüsse”, “Brachialrhetorik”, “Faible für Nazi-Vergleiche”, “Juden, die sich bis heute als unverstandene Opfer der Geschichte fühlen”, “Selbstviktimisierung” und Missbrauch. Da den Juden den Israelis aber auch gar nichts heilig ist, wird selbst der Holocaust zum Mittel zu Macht und Geld:

“Das ist natürlich Propaganda, die einem klaren politischen Zweck dient. Denn mit diesem Alarmismus, der einen Ausnahmezustand suggeriert, lässt sich noch jede israelische Aggression - bis hin zu einem Angriff auf den Iran - als Akt der Notwehr verkaufen. Leider verfängt diese Demagogie erstaunlich gut. […] Doch keine israelische Regierung missbraucht den Holocaust so sehr wie die gegenwärtige, um damit ihre Politik zu rechtfertigen. Netanjahu hat ein Faible für Nazi-Vergleiche: Vor der UN-Vollversammlung verstieg er sich dazu, den Gazakrieg mit dem Kampf der Alliierten gegen die Nazis zu vergleichen. Und den früheren deutschen Außenminister Steinmeier belehrte er, das Westjordanland dürfe durch den Abzug der israelischen Siedler nicht "judenrein" werden.”

Auschwitz darf keine Rolle mehr für die jüdische Identität und israelische Politik spielen! Auch im Bereich der Vergangenheitsbewältigung gilt: am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Für Bax gibt es einen Nährboden, auf dem solche Propaganda gedeiht: Die Juden, die vielleicht wirkliche Bedenken und Ängste haben könnten; und zwar nicht nur wegen ‘der Geschichte’, sondern auch angesichts der Gegenwart. Ihnen empfiehlt Dr. Sigmund Bax implizit den Gang zum Therapeuten, um sich von ihrer Paranoia heilen zu lassen: “Bei all jenen Israelis und Juden, die sich bis heute als unverstandene Opfer der Geschichte fühlen, fällt solche Brachialrhetorik auf fruchtbaren Boden. Die Selbstviktimisierung hilft ihnen, Israels Besatzungspolitik und seine Kriege zu relativieren.”

Dabei hat Bax nicht mal unbedingt etwas gegen die Instrumentalisierung ‘des Holocaust’, er will nur das Monopol wahren. Rechtmäßiger Eigentümer ist der ‘Gerade-wir-als-Deutsche’-Deutsche, wozu er sich freilich auch zählt: “Gehört es also zu den Lehren aus der deutschen Geschichte, eine rechte Regierung zu unterstützen, die Friedensgespräche ablehnt und von einem Israel bis zum Jordan träumt?” Derart suggestiv gefragt, wettert er gegen die Moralkeule Auschwitz:

“Leider verfängt diese Demagogie erstaunlich gut. […] auch in Deutschland, wo es vielen schwerfällt, Israelis anders als in jener Opferrolle der Juden wahrzunehmen, die man aus dem Geschichstunterricht kennt. […]  Denn in wenigen Ländern kann Israels Politik mit so viel Verständnis rechnen wie hierzulande. Das gilt nicht nur mit Blick auf Bundeskanzlerin Angela Merkel oder die Zeitungen aus dem Axel-Springer-Verlag, deren Vorstandschef Mathias Döpfner einmal voller Ernst von sich sagte, er sei "ein nichtjüdischer Zionist". Das trifft auch auf vermeintlich "linke" Blätter wie Konkret oder Jungle World zu, die Israel bevorzugt als Opfer ausländischer Mächte zeichnen und sogar seine rechte bis rechtsextreme Regierung mit Inbrunst verteidigen. […] Der Ruf nach unbedingter "Solidarität mit Israel", der aus solchen Ecken ertönt, lenkt von anderen, wichtigeren Fragen ab: Kann ein Demokrat gezielte Tötungen von "Terroristen" (wer immer diese als solche definiert) als Mittel der Politik gutheißen? Kann er die Besatzung und den Siedlungsbau im Westjordanland, Blockade und Bombardierung des Gazastreifens unterstützen? Oder zumindest begrüßen, dass die deutsche Kanzlerin dazu kaum Kritik äußert aufgrund unserer "Verantwortung für den Holocaust"?”

Was für eine mächtige Front: Springer, Merkel und “vermeintlich ‘linke’ Blätter wie Konkret oder Jungle World”; da heißt es wohl: Gute Nacht, Palästina! Müßig darauf hinzuweisen, dass es sich in der deutschen Realität von Presse und Politik ein wenig anders verhält. Was die Linke angeht, so erteilt Dr. Sigmund Bax auch hier den Ratschlag: Auf die Couch! 

“Manche Linke sahen einst die Sowjetunion als "gelobtes Land" an und denunzierten jede Kritik am Kommunismus als ‘unsolidarisch’ - jetzt halten es manche mit Israel so. Der Schulterschluss mit Israel hat zudem eine psychologische Entlastungsfunktion: Manche glauben, damit jenen antifaschistischen Widerstand nachzuholen, den die eigenen Eltern und Großeltern leider versäumten. Sehr empfänglich sind sie daher für Netanjahus Propaganda, die suggeriert, die Palästinenser oder der Iran seien ‘die Nazis von heute’.”

So verdreht man einen Gedanken, der eigentlich einmal polemisch gegen linke Antifaschisten wie Bax gerichtet war; zudem ist bezeichnend, dass dieser Sachverhalt, der den gesamten Post-68er Antifaschismus kennzeichnet, genau dann und erst dann in der TAZ auftaucht, wenn Linke einmal etwas Vernünftiges tun und sich hinter Israel stellen. Apropos Broder – auch hier hat Bax ein super Argument parat:

“Harmlos ist die deutsche Begeisterung für Israel, solange sie sich in naiver Schwärmerei für Land und Leute erschöpft. Schwieriger wird es, wenn sie mit antidemokratischen Haltungen einhergeht, die in Israel weit verbreitet sind - zum Beispiel rassistische Vorurteile gegenüber Arabern und anderen Muslimen. Es ist ja kein Zufall, dass unter den größten Israelfans auch die schärfsten Islamgegner zu finden sind - und umgekehrt. Ob Henryk M. Broder, Ralph Giordano, der holländische Rechtspopulist Geert Wilders oder Internet-Hetzblogs wie Politically Incorrect - sie alle preisen Israel als Vorbild und plädieren dafür, Muslime in Europa zu diskriminieren.”

Nun, ob die genannte harmlose Schwärmerei für Land und Leute wirklich so harmlos ist – geschenkt. Viel schöner ist die Argumentationslogik: Wer Israel unterstützt, wird nicht umhinkommen, die Rolle des Islam kritisch unter die Lupe zu nehmen. Da sich im Fahrwasser der Islamkritik auch Rassisten tummeln, ist Israelsolidarität auch igitt. Das sind die tollen Argumentationsfiguren des ‘geht-oft-einher-mit’ und ‘wird-ähnlich-vertreten-von’: Israelsolidarität und Islamophobie, Broder und PI – irgendwie haben die alle entfernt was miteinander zu tun. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern! (Und nur nebenbei: Broder kann gar nicht islamophob sein, da er selbst ein Moslem ist – und einige seiner besten Freunde bestimmt auch!)

Holocaust-Trauma und jüdischer Überlebenswahnwille, psychologische Entlastungssuche bei den Antideutschen und Islamophobie in der Israelsolidarität – es ist überaus amüsant bei jemandem, der andere derart pathologisieren möchte, folgende Freudsche Fehlleistung zu lesen: “Wenn man die Welt so einäugig betrachtet, wiegt ein falsch beschnittenes Agenturfoto weit schwerer als neun Tote es tun”. Unter den Einäugigen ist der Unbeschnittene ein König, wird sich Bax wohl gedacht haben.

 

Nachtrag:

Im – wohlgemerkt moderierten - Kommentarbereich zum Artikel hat TAZ-Leser Johan Schreuder eine tolle Idee:

“Vorschlag,
Ich weiss nicht genau wie viel unschuldige menschen Israel seit der Gründung ermordet hat.
Sollen sie doch einer ihre, nicht vorhandene, Atombomben schmeissen damit
die gesamt zahl auf ca. 6 Millionen kommt.
Wäre es dann ausgeglichen??”


Fundstück

Leider komme ich momentan nicht zum Schreiben, deswegen an dieser Stelle nur eine Leseempfehlung. Auf der Seite www.israel-palestine-conflict.com finden sich einige graphisch aufbereitete Zahlen und Fakten zum Nahostkonflikt. Sehr empfehlenswert und anschaulich!


7/19/2010

Was nützt die Liebe in Gedanken

Es war abzusehen: Kaum macht der israelische Außenminister Lieberman einen brillanten Vorschlag (siehe auch hier), der genau aus diesen Gründen gut ist, kommt einer von diesen hier und ist dagegen, natürlich aus schlechten Gründen:

„Eine Politik, die das palästinensische Staatsgebiet aufteilt in verschiedene Staatsstrukturen, würde [einer Zweistaaten-Lösung] widersprechen“ (Quelle)

"Wir wollen nicht, dass die Idee eines palästinensischen Staates dadurch gefährdet wird, dass man unterschiedliche Staatsgebiete schafft, sie gewissermaßen voneinander separiert, abtrennt, auch politisch vielleicht gegeneinanderstellt" (Quelle)

Schlimm, dass Lieberman jetzt, wo wir doch so kurz vor einer Zweistaaten-Lösung stehen, dieses Ansinnen torpediert. Vielleicht sollte sich Westerwelle mal überlegen, dass genau das, was er Liebermans Vorschlag unterstellt, die tägliche Praxis von Fatah und Hamas und spätestens seit Juni 2007 bittere Realität ist.

Es gibt faktisch zwei Palästinensergebiete, die “gewissermaßen voneinander separiert, ab[ge]trennt, auch politisch vielleicht gegeneinander[ge]stellt” sind, nämlich Hamastan und Fatahland. Warum sollte Israel für deren nationale Einheit im Rahmen einer Zwei-Staaten-Lösung Sorge tragen – für zwei Konfliktparteien, die sich bis aufs Blut bekämpfen? Wieso sollte sich Israel für die “Idee eines palästinensischen Staates” von einem Vorhaben abbringen lassen, das derart aussichtsreich ist; aussichtsreich nicht in der Idee, sondern in der Wirklichkeit?

 

Lesetipp:

 

Claudio Casula: Kaum Wahlen, viele Kämpfe. Eine ganz kurze Geschichte der palästinensischen Demokratie.


7/16/2010

Quizfrage oder: Kommt bald Pro-NYC?

Vertreter der Religion des Friedens, erwiesenermaßen Experten für verletzte Gefühle, planen den Bau einer dreizehnstöckigen “Megamoschee“ in New York. Einige Bewohner der Stadt empören sich über ein derartiges Ansinnen, jedoch zu Unrecht:
"Muslime haben eine berechtigte Rolle zu spielen in der sozialen Struktur dieses Landes", sagt Ibrahim Ramey von der Muslim American Society Freedom Foundation dem Sender CNN. Und Sharif El-Gamal, Planer des Komplexes, bezeichnete das Vorhaben als "Stimme der moderaten Muslime". "Da ist solch eine Ignoranz gegenüber dem Islam!"
Dreimal darf geraten werden, an welchem Ort die Moschee errichtet werden soll. Zur Antwort geht es hier oder hier entlang.

Eine weitere Leseempfehlung:
'Liza' dokumentiert einen sehr lesenswerten Text Eike Geisels aus dem Jahr 1993 über Norman Paechs Antisemitismus.


7/13/2010

Petition an den Deutschen Bundestag: “Ich klage an”

Gerd Buurmann von tapferimnirgendwo hat eine Petition an den Deutschen Bundestag gerichtet. Diese kann hier unterzeichnet werden; weitere Verbreitung ist natürlich erwünscht.


7/10/2010

Antisemit Goyim Pracht hört endlich auf

Anlässlich der Aufrufe zu einer Gegendemo zur proisraelischen Kundgebung Fairplay für Israel berichtete ich auch über den Paradeantisemiten ‘goyim-pracht’, der unter anderem schrieb: “wir wollen den Juden zeigen das sie Jeder Hasst.” Bei Lindwurm fand sich gestern diese Meldung:

„Goyim Pracht“ hört endlich auf

Gute Nachrichten aus dem Cyberspace: Der vielleicht abscheulichste, wahnsinnigste und verhetzendste antisemitische Blog im deutschen Sprachraum, „Goyim Pracht“, gibt auf. Beinahe ist das ja schade, denn dieser Internetauftritt war dermaßen rasend irrsinnig, dass er die gesamte verrückte Weltsicht pathologischer Antisemiten auf den Punkt gebracht hat. „Goyim Pracht“ war auch insoferne aufschlussreich, da er ein die bizarre Querfront zwischen Nazis, Islamisten, Verschwörungstheoretikern, Ökofaschisten und schlichtweg Geistesgestörten in einem einzigen Blog nachlesbar machte. Trotzdem ist es natürlich gut, dass dieser Dreck (hoffentlich samt seines offenbar schwer gestörten Machers) aus dem Internet verschwindet…

Es soll nicht verschwiegen werden, dass sich gp – in Form und Inhalt - standesgemäß verabschiedet hat (Rechtschreibung im Original, versteht sich):

“Ich höre bald auf und werde diesen blog aus privaten gründen löchen.
die BRD Juden-Nazi GmbH verwendet SS und Stasi methoden um menschen mundtot zumachen,das alles geht mir am arsch vorbei und ist nicht der grund warum ich aufhören möchte sondern weil ich schlicht und einfach keinen bock mehr habe.
also machst gut und viel glück, dieser blog bleibt noch ungefair 1 bis 2 wochen stehen.”

Natürlich hat dies alles nichts mit den gegen ihn laufenden Verfahren zu tun. Ich hoffe mal, dass die Staatsanwaltschaft seine Seite gerichtsverwertbar gesichert hat und dass ihm professionell geholfen wird.


7/08/2010

Einzeltäter, deutschlandweit – Von Hitzköpfen und Zufallsopfern

Na toll! Gestern schrieb ich noch bei Facebook, ich sei “heute ausnahmsweise mal für Deutschland, damit sie gegen Holland verlieren können. Ich hoffe, die Opfer des nationalen Taumels der nächsten Tage können mir verzeihen”. Natürlich war ich dennoch zufrieden mit dem Ergebnis und begab mich auf den Weg zum Ludgerikreisel in Münster. Da sich dort nach siegreichen Spielen der deutschen Nationalmannschaft Szenen wie im nachfolgenden Video abspielen, war ich neugierig, wie sich die Deutschen diesmal verhalten würden.

 

 

Am ‘Kreisel’ angekommen, berichteten mir zwei Bekannte, dass es schon einige Schlägereien gegeben hätte, zudem hätten Deutschlandfans eine spanische Flagge verbrannt und vereinzelt Gegenstände auf Fans der spanischen Mannschaft geworfen. Die IVZ berichtet ebenfalls:  “An mehreren Stellen in der Stadt gab es Schlägereien.” Beim WDR zeigte man sich hingegen enttäuscht, dass die Deutschen hinter den Erwartungen zurückblieben: “Kaum Krawalle nach WM-Niederlage”. Eine kleine Gruppe junger Männer sang hinter uns: “Spanien ist das schwulste Land der Welt”, eine andere Gruppe hatte sich das WM-Motto aus dem Jahr 2006 - “Die Welt zu Gast bei Freunden” - zu Herzen genommen und skandierte nun folgerichtig rassistisch “Ihr könnt nach Hause fahr’n” in Richtung der spanischen Fans.  Nachdem zunächst einige Deutschlandsfans friedlich mit denen der spanischen Mannschaft feierten, bildete sich eine große Gruppe, die die Spanier lautstark zu überstimmen versuchten. Wahrscheinlich wollten sie die Fans der Gegenseite daran erinnern, wer hier Herr im Hause ist. Laut Polizeiangaben versammelten sich in Münster ca. 1000 Menschen.

 

Da es sich in anderen Städten Deutschlands nicht anders verhielt, hier nun eine kleine Presseschau:

 

Mühlhausen

Tödlicher Streit um Fußball

Nach dem WM-Halbfinale Deutschland-Spanien ist im thüringischen Mühlhausen ein Mann auf offener Straße erstochen worden. Ein 20-jähriger Tatverdächtiger wurde in der Nacht zum Donnerstag festgenommen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Der Mann gestand die tödliche Attacke, will aber aus Notwehr gehandelt haben. Ein Passant hatte den schwerverletzten Mann entdeckt. Der 21-Jährige starb auf dem Weg ins Krankenhaus an seinen Stichverletzungen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatten sich die beiden Männer zuvor gestritten. Dabei sei es «wohl um Fußball gegangen», sagte ein Sprecher. Bei einer Vernehmung gab der Täter an, er sei von dem anderen Mann angegriffen worden und habe sich zur Wehr gesetzt.

(Quelle)

 

Berlin

Berliner Polizei nimmt 64 gewalttätige Fans nach WM-Aus fest

Bei den öffentlichen Übertragungen des Fußball-WM-Halbfinales Deutschland gegen Spanien hatte die Berliner Polizei am Mittwoch mehr zu tun als bei den vorangegangenen Spielen der deutschen Elf. Insgesamt wurden 64 Personen im Zusammenhang mit gewalttätigen Vorkommnissen am Rande der Fanfeste festgenommen, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte. Fünf Polizeibeamte erlitten Verletzungen.

Auf Deutschlands größtem Fanfest an der Siegessäule mussten Beamte frühzeitig gegen gewalttätige Zuschauer einschreiten, die sich prügelten, randalierten oder Feuerwerkskörper abbrannten. Einzelne Personen hätten sich aggressiver als bei den vorangegangenen Veranstaltungen gezeigt, sagte ein Sprecher. Auch sei schon vor Spielbeginn erhöhter Alkoholkonsum festgestellt worden.

Vereinzelt setzten Polizeibeamte auf dem Fanfest Pfefferspray gegen gewalttätige Personen ein. Nach Spielende strömten die meisten der rund 350 000 Zuschauer auf der Fanmeile friedlich nach Hause. Rund um den Potsdamer und Pariser Platz sowie am Rande der Fanmeile kam es laut Polizei allerdings wiederholt zu Körperverletzungen und Sachbeschädigungen.

Die in Charlottenburg eingerichteten Straßensperren hob die Polizei in Anbetracht der Niederlage der DFB-Elf schon kurz nach Spielende wieder auf. Ein Autokorso fand den Angaben zufolge nicht statt. Am Kurfürstendamm nahmen Polizeibeamte mehrere Gewalttäter fest.

(Quelle)

 

Karlsruhe

 

Aggressive Fans nach WM-Aus

Karlsruhe/Schwäbisch Gmünd - Nicht alle deutschen Fußballfans haben das Aus der Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft sportlich genommen. In vielen Städten des Landes kam es nach dem Spiel am Mittwochabend zu Schlägereien und Randale. Polizisten hatten alle Hände voll damit zu tun, die Streits zu schlichten.

In Karlsruhe hat ein enttäuschter und betrunkener Fußballfan nach dem verpatzten Einzug ins Finale zwei Polizisten verletzt. Der 18- Jährige aus Freiburg sei völlig ausgerastet und habe einen Beamten mit einem Kopfstoß verletzt, einen zweiten mit einem Kniestoß gegen den Kopf. Er wurde nach Angaben der Polizei vom Donnerstag festgenommen und verbrachte die Nacht in einer Ausnüchterungszelle. Auch andere Randalierer wurden vorübergehend im Gewahrsam genommen.

Zum Feuerzeug griff ein frustrierter Fan in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis). Er wollte sein T-Shirt an einem Zaun verbrennen. Als ihn der Besitzer des Zauns und seine Frau deswegen ansprachen, schlug er ihnen ins Gesicht.

Ein 18-jähriger Deutschland-Fan brachte in Albstadt (Zollernalbkreis) einen Konvoi zum Stocken, indem er sich vor das Fahrzeug einer jungen Frau stellte. Als sie links an dem Fahnenschwenker vorbeiziehen wollte, übersah sie ein Fahrzeug und stieß mit diesem zusammen. Der Mann wird nach Polizeiangaben wegen Nötigung angezeigt, die Autofahrerin muss mit einer Strafe wegen Verstoßes gegen die Verkehrsordnung rechnen.

(Quelle)

 

Den Angaben zufolge war die Stimmung im gesamten Karlsruher Stadtgebiet «gereizt». Zum Teil mussten die Beamten Platzverweise erteilen. Mehrere Personen wurden in Gewahrsam genommen.

(Quelle)

 

Ludwigsburg

 

Aggressive Stimmung nach WM-Niederlage

Nachdem rund 9.000 Fans die Übertragung an den sechs größen Übertragungsplätzen verfolgt hatten, kam es in der Folge bis gegen Mitternacht vor allem in der Ludwigsburger Innenstadt zu Pöbeleien und Sachbeschädigungen durch enttäuschte deutsche Fans, die ein konsequentes Einschreiten mitunter starker Polizeikräfte erforderten. Die vielerorts spürbare aggressive Grundstimmung verstärkte sich noch, nachdem sich feiernde spanische Fans zu einem Autokorso formierten. Ein Einsatzfahrzeug wurde in der Grönerstraße aus einer größeren Personengruppe heraus mit einer Bierflasche beworfen, die eine Seitenscheibe durchschlug. Es entstand Sachschaden von etwa 1.000 Euro. Die Beamten blieben unverletzt.

(Quelle)

In Ludwigsburg herrschte nach Polizeiangaben vielerorts eine «aggressive Stimmung». Bis Mitternacht kam es vor allem in der Innenstadt zu Pöbeleien und Sachbeschädigungen. Aus einer Gruppe heraus wurde ein Einsatzfahrzeug der Polizei mit einer Bierflasche beworfen. Dabei wurde die Seitenscheibe durchschlagen. Verletzt wurde niemand.

(Quelle)

 

Ahlen

 

Randale nach Abpfiff in Ahlen: Polizei verhindert Stürmung des „Las Tapas“

Fröhliches Feiern sieht anders aus: Mit einem massiven Polizeiaufgebot schirmten Einsatzkräfte am Abend unmittelbar nach dem Abpfiff des WM-Spiels Deutschland gegen Spanien das „Las Tapas“ ab. Es hätte Hinweise gegeben, dass „Idioten das Restaurant stürmen wollten“, hieß es aus der Leitstelle.

Mit sechs Fahrzeugen markierten die Ordnungshüter eine Trennlinie vor dem „Spanier“. Bereits eine halbe Stunde zuvor hatte die Polizei - ähnlich stark aufgestellt - den Marktplatz ein erstes Mal angesteuert. Während einer Kontrolle stießen die Beamten auf drei Jugendliche, die sich, so ein Sprecher, „nicht benehmen konnten“. Bei der Festnahme kam es zu Rangeleien.

Nach der 0:1-Niederlage hatten viele zumeist jugendliche Fans den Markt angesteuert und ihren Frust vor dem spanischen Restaurant lauthals skandiert.

(Quelle)

Massiv aggressiv: Zufallsopfer geschlagen und getreten

Im Visier der Fahnder: drei junge Männer im Alter von 18, 19 und 23 Jahren. Sie sollen gegen 21.45 Uhr einen 20-jährigen Fan auf dem „Alten Hof“ angegriffen haben, als er auf dem Weg zu einer Markt-Gaststätte war. „Sie beschimpften den 20-Jährigen grundlos und reagierten aggressiv“, so Artmann. Ein angetrunkener 18-Jähriger schlug dem Opfer mit der Faust ins Gesicht. Dabei stürzte er zu Boden. Einer der beteiligten trat ihm noch gegen den Oberkörper. Der Verletzte konnte sich aufrichten. Er eilte in eine Gaststätte und rief die Polizei. [...] Dagmar Artmann begründet den massiven Polizeieinsatz mit dem hohen Aggressionspotenzial, das von den Krawallmachern ausgegangen sei. „Sie hatten Lust, Randale zu machen. Der 20-Jährige war ein Zufallsopfer.“ [...] Nach Spielabpfiff kehrten die Einsatzkräfte auf den Marktplatz zurück. Gäste des spanischen Restaurants fühlten sich bedroht, nachdem Jugendliche von anderen Übertragungsorten ihren Ärger über die deutsche Niederlage lauthals Luft machten und die Schuldigen am Markt ausmachten (die „AZ“ berichtete). Die Polizei demonstrierte abermals mit sechs Fahrzeugen und zwei Dutzend Einsatzkräften Stärke und platzierte ihren Fuhrpark vor dem Restaurant. Später entspannte sich die Lage. Die Spanier feierten mit Verspätung.
Bereits vor zwei Jahren war die Situation nach dem finalen EM-Aus Deutschlands gegen Spanien vor dem „Las Tapas“ eskaliert. Seinerzeit hatten Rechtsgesinnte Stimmung gemacht. Es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, Feuerwerkskörper flogen in den Schankraum. Die Polizei nahm seinerzeit fünf Provokateure fest.

(Quelle)

 

Lüdenscheid

 

Jagdszenen auf stolze Träger spanischer Fahnen waren gestern Abend der traurige Tiefpunkt der vorübergehend aggressiven Stimmung nach der Halbfinalniederlage der deutschen Mannschaft. Für versöhnlichere Töne sorgten einige Fans, die später mit einer deutschen Fahne durch die Stadt zogen und eine Probe ihrer Gesangskunst gaben: „E viva España“.

Polizei und Sicherheitskräfte hatten die Lage jedoch sehr schnell im Griff, und die Fahnenträger waren klug genug, ihren Auftritt im Rosengarten mit einem flinken Abgang zu krönen. Zuvor war die Zahl der Fernseher in und um die Altstadt weiter gestiegen: Futterkrippen und Eisdielen hatten sich der Nachfrage nach kleinen und größeren „Public Viewing“-Gelegenheiten nicht mehr entziehen können.

(Quelle)

 

Kreis Mettmann

 

Nach der deutschen Halbfinal-Niederlage gegen Spanien hat es im Kreis Mettmann einige Schlägereien gegeben. Enttäuschte Deutschland-Fans Flaschen und Feuerwerkskörper auf Spanier. Die Polizei musste mehrmals eingreifen, um Fangruppen zu trennen und einzelne Personen in Gewahrsam zu nehmen.

An einer Kreuzung in Hilden geriet ein spanischer Autofahrer in eine Gruppe deutscher Fans, die ihn nicht weiterfahren ließen. Der spanische Fußballfan fühlte sich bedroht. Beim Versuch, langsam weiterzufahren, wurde ein deutscher Fan angefahren und leicht verletzt. Die Polizei konnte die Gemüter beruhigen.

(Quelle)

 

Ingolstadt

 

Frust nach Fußball- Pöbeleien in Ingolstadt

Eine teils aggressive Stimmung aufgrund der Niederlage der deutschen Mannschaft gegen Spanien hat gestern Abend auf dem Ingolstädter Rathausplatz zu Schlägereien geführt. Gegen 18 Uhr waren bereits rund 4.000 Fußballfans versammelt, kurz nach 20 Uhr wurde niemand mehr hereingelassen.

Deswegen wurde der Sicherheitsdienst immer wieder von aggressiven und angetrunkenen Fans angepöbelt.
Ein Polizeibeamter wurde bei der Auseinandersetzung mit einem 19-jährigen Ingolstädter verletzt.
Nach dem Spiel wurden einige Spanier und auch südländisch aussehende Gäste angepöbelt und auch angegriffen.
Zu kleineren Stänkereien kam es beim Fußballschauen auf dem Pfaffenhofener Sparkassenplatz. Im großen und ganzen verhielten sich die rund 2.000 Fans dort aber gesitteter. In Neuburg und Eichstätt meldet die Polizei keine Vorkommnisse, in Schrobenhausen dagegen kam es zu einer Schlägerei mit neun Beteiligten in der Altstadt.
Nach drei Angreifern wird noch gesucht.

(Quelle)

 

 

Reutlingen/Pfullingen (Man beachte die Wortwahl!)

Lediglich einige Hitzköpfe, meist unter Alkoholeinwirkung stehend, gaben ihrem Frust freien Lauf und waren in körperliche und verbale Auseinandersetzungen verwickelt. So ließ sich ein 20-jähriger, der deutlich unter Alkoholeinwirkung stand, zunächst zu einer Körperverletzung hinreißen, indem er Tische und Bänke gegen andere Fans warf und sich anschließend in der Albstraße selbst durch das Einschreiten der Polizei nicht beruhigen ließ. Er musste seinen Frust in der Zelle der Polizei abbauen und muss mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen.

Ein 29-jähriger geriet mit mehreren spanischen Fans in Streit und musste nach einer körperlichen Auseinandersetzung, bei dem ein 18-jähriger Reutlinger verletzt wurde, in Gewahrsam genommen werden. Den Weg in die Zelle konnte der alkoholisierte Störenfried laut Polizeibericht nur abwenden, weil ihn seine Mutter mit nach Hause nahm.

Gegenüber weiteren neun übermütigen Fans wurde wegen aggressiven Verhaltens ein Platzverweis ausgesprochen und sie wurden nach Hause geschickt.

(Quelle)

 

Und in ganz Deutschland

In allen Städten gab es Autokorsos spanischer Fans. Diese verliefen abgesehen von Rufen frustrierter deutscher Fans zum Großteil friedlich.

(Quelle)

 

Warum das alles? Die Berliner Polizei hat eine plausible Erklärung: “Insgesamt sei die Stimmung aggressiver gewesen als bei den letzten Übertragungen von Deutschland-Spielen. Dies liege vermutlich daran, dass deutlich mehr Alkohol konsumiert wurde.”

 

Leseempfehlung

Wie ich grade sehe, ist das versprochene Fußball-WM-Special der Rubrik “No-go-area Deutschland” der Zeitschrift Konkret veröffentlicht worden:

Neonazi-Randale, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und zwei Tote: so die Bilanz des "fröhlichen Partyotismus" bis zum Aus der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-WM. Aus gegebenem Anlaß präsentiert KONKRET diese Spezialausgabe der Chronik aus dem ganz normalen "Fußball-Deutschland". weiterlesen...


If I can’t dance…

… it’s not my institution

 

 

Ein Video mit tanzenden israelischen Soldaten ist ein neuer Hit auf "YouTube". In dem Clip sind sechs Armeeangehörige zu sehen, wie sie auf einer Straße der israelischen Stadt Hebron während ihrer Patrouille einen Tanz aufführen.

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7/06/2010

Tabu la rossa

“Immer Ärger mit der TAZ” – unter diesem schnoddrigen oder, wie es wohl im Klienteljargon heißt: frechen Motto lud die TAZ zu einer zweiten Podiumsdiskussion über “den Umgang deutscher Medien mit Erinnerungskultur, Israelkritik und Antisemitismus” ein. In einem TAZ-Kommentar hatte sich Iris Hefets, Vertreterin der grotesken Organisation Jüdische Stimme für Hamas nicht entblödet, über das “Evangelium von Auschwitz” und Israels “Schoah-Kult” zu schwadronieren. Damit, wie auch mit ihrer sonstigen Arbeit, erntete sie wie zu erwarten Beifall von den üblichen Verdächtigen von links bis rechts. Worum es im Kern geht, lässt sich bei Lizas Welt nachlesen:

Im Grunde genommen muss man dem Blatt wie auch seiner Autorin nachgerade dankbar dafür sein, derart blank gezogen zu haben. Denn beide haben dadurch ihre Agenda erfreulich offen gelegt und deutlich gemacht, worauf die „Israelkritik“ in letzter Konsequenz immer hinausläuft: auf eine Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates, auf eine Verdrehung von Tätern und Opfern und auf eine Entlastung von der originär deutschen Tat Auschwitz. Die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost ist eine eigentlich vernachlässigenswerte Gruppierung, die selten mehr auf die Beine bringt als ein Dutzend Nebbichs. Dass die taz dennoch – oder gerade deswegen – den Stumpfsinn, den diese Vereinigung aus welchen Gründen auch immer verbreitet, durch den Abdruck des nämlichen Kommentars veredelt hat, spricht allerdings Bände.

Nachdem Ines Pohl mitsamt etwa 30 Vertretern der Jüdischen Stimme bereits bei der ersten Diskussionsveranstaltung für einen Eklat sorgte  (in der TAZ sieht man das ganze natürlich, wie auch sonst, vollkommen anders: “Doch es gab Tumult”), wollte man diesmal folgende, der TAZ unter den Nägeln brennende Fragen diskutieren: “Was ist so gefährlich daran, die israelische Politik zu kritisieren? Wo liegen die Fallstricke und wo die Chancen?” Nichts ist gefährlich daran, möchte man ihnen zurufen. Und Fallstricke gibt es ebenso nicht, außer er meint damit etwas anderes, nämlich Antisemitismus; wobei es schon bezeichnend ist, dass dieser bei der TAZ unter ‘Fallstricke’ läuft.

 

Kritiktabu und Antisemitismus

Antizionismus, Israelkritik und Kritik an der israelischen Politik sind ebenso allgegenwärtig wie das Lamento, dass Antizionismus, Israelkritik und Kritik an der israelischen Politik ‘ja wohl erlaubt sein müsse’ bzw. dass ein Kritikverbot herrsche (1). Den unbedarften Zuschauer würde dieses empirische Faktum wohl dazu verleiten, die sich verfolgt wähnenden ‘Kritiker’ auf diesen Sachverhalt hinzuweisen in der Hoffnung, diese würden ihr Vor-Urteil revidieren. Der Versuch, dem Antisemitismus mit Fakten beizukommen, ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Schlimmer noch: “Der öffentliche Diskurs, ob etwas antisemitisch sei oder nicht, ist selbst ein Bestandteil der antisemitischen Praxis.” (Detlev Claussen) Und sowohl die TAZ als auch die von und mit ihr anberaumte Debatte ist Teil des Problems, nicht die Lösung.

Der Behauptung, man dürfe Israel nicht kritisieren, kommt im antisemitischen Weltbild eine bedeutende Scharnierfunktion zu: In ihr vermengen sich sekundärer Antisemitismus, als Israelkritik getarnter Antisemitismus sowie die klassisch-antisemitische Unterstellung jüdischer Meinungs-, Medien- und Manipulationsmacht; so vermag sie es, verschiedenste antisemitischen Fraktionen, vom Stammtischnazi bis zum streetfighting antizionist, zu vereinen. Desweiteren ist es nicht unwesentlich, dass jene Tabubehauptung beim Antisemiten, dessen Wesen die Paranoia ist, das Gefühl des persönlich Betroffenseins wachruft und er sich somit direkt als Objekt einer jüdischen Weltverschwörung halluzinieren kann. Zudem kann die Behauptung als Teil einer Selbstimmunisierungsstrategie begriffen werden: Die Kritik an einer antisemitischen Aussage (2) wird somit zu einer Bestätigung des antisemitischen Weltbildes – Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt. Aus diesen Gründen gibt es nur einen richtigen Umgang mit derlei Behauptungen: Es gibt kein Verbot Israel zu kritisieren. Punkt! Keine Diskussion!

Die jetzt von der TAZ ins Leben gerufene Debatte unterstellt hingegen, dass es etwas zu bereden gäbe. Der Antisemit sieht sich als Opfer von Verschwörungen, als ‘Kleiner Mann’, der den Schlüssel zu Welterklärung in den Händen hält und allein schon die Diskussion bestätigt ihn in seiner Zwangsvorstellung, dass überall Kritik erlaubt, sie bei Israel jedoch erst zu verhandeln sei. Sie erhebt den Antisemiten und sein Anliegen in den Rang eines ernstzunehmenden Diskussionspartners bzw. Diskussionsgegenstandes.

 

Der hilflose Antiantisemitismus

Der TAZ geht es vermutlich auch weniger darum, ihren Antisemitismus (und somit ihre antisemitische Leserschaft) loszuwerden als vielmehr das Etikett. Doch nehmen wir sie mal beim Wort: Auch wenn es durchaus sinnvoll sein mag, irgendwelche Minimalstandards  in der Medienberichterstattung über Israel durchzusetzen (und allein die Notwendigkeit dessen spricht Bände), geht eine solche Debatte am Problem vorbei. Man einigt sich im besten Fall auf bestimmte Aussagen, die zu unterlassen sind. In der Regel landet man dann irgendwo zwischen der EU-Arbeitsdefinition und den berühmten 3D: Dämonisierung, doppelte Standards, Delegitimierung. Diese Definitionen sind sicherlich eine Hilfe, um besonders kruden Antisemitismus zu erkennen, doch kranken sie an den selben Problemen wie der Großteil der empirisch-positivistischen Antisemitismusforschung: Sie bewegen sich auf der Ebene von Einzelaussagen und begreifen den Antisemitismus nicht als ein Welterklärungsmuster, dem eine bestimmte Denkstruktur zugrunde liegt.

Im Rahmen dieser Denkstruktur können beispielsweise das Weglassen von Informationen, der Fokus der Berichterstattung, das Streuen von Gerüchten, das gleichwertige und unkommentierte Zitieren verschiedener Parteien, deren Aussagen nicht gleichwertig sind (z.b. Paech als Augenzeuge), schiefe Vergleiche und Wortwahl (Hilfskonvoi, Soliflotte, Friedensaktivisten, Blutbad usw.), das verspätete Nachreichen von Informationen und last, not least, das Zitieren jüdisch-israelischer Kronzeugen für seine eigenen Unterstellungen ausreichen, um von mehr als Israelkritik zu sprechen. Selbst journalistisch einwandfreie Artikel, die nichts als Fakten enthalten, können in bestimmten Fällen und Kontexten ausreichen, um eine  antisemitischen Berichterstattung zu besorgen. “Noch die Wahrheit wird [der Propaganda] ein bloßes Mittel, zum Zweck Anhänger zu gewinnen, sie fälscht sie schon, indem sie sie in den Mund nimmt.” (Adorno/Horkheimer) Der Antisemitismus ist also viel weniger ein Phänomen, dass sich allein in einzelnen Aussagen widerspiegelt, als vielmehr eines, dass sich in Aussagesystemen einnistet bzw. diesen zugrundeliegt, sie strukturiert. Er ist eine im Wortsinne a-soziale Massenbewegung, die ihr Zentrum allein in ihrer Aggression gegen den Feind besitzt; sein Element ist “das Gerücht über die Juden” (Adorno) Dabei hat er stets versucht, Faktum und Ressentiment zu verknüpfen.

Die TAZ ist ein Bravourstück des strukturellen Antisemitismus. Dieser Antisemitismus, der der TAZ Anathema ist und aus Existenzgründen sein muss, ist die basale Denk- und Anschauungsform, die Alltagsreligion kapitalistischer Subjekte. Die TAZ hat sich seit jeher darum verdient gemacht, ihn mit besonderer Sorgfalt zu hegen und zu pflegen. Seit ihrer Gründung hängt sie sich stets an den Teil der Linken, der sich am stärksten durch Reflexionsfreiheit, Begriffslosigkeit und Ressentiment auszeichnen: die Nationalbefreier der Antiimpbewegung, die durch und durch deutsche Friedens-, Öko- und Antiatombewegung, die Spekulantenfresser der Hausbesetzerszene, die paranoiden Volkszählungsgegner (es geht bald wieder los) und nicht zuletzt natürlich die antisemitischen Antizionisten. Gegenwärtig widmet man sich, neben Verbraucherschutzinformationen über diese unheimlichen kleinen Dinge im Essen (“Gene”) und der mit Angstlust herbeigesehnten Klimakatastrophe als Rache für die menschliche Hybris, vorrangig dem postmodernen Ethnopluralismus Antirassismus  sowie dem Abhub aller vorangegangenen linken Bewegungen, nämlich den regressiven Antikapitalisten der No-Globals. Aus der roten TAZ wurde die Tobin-TAZ: Raider heißt jetzt Twix – sonst ändert sich nix. Solange die TAZ nicht aufhört, TAZ zu sein, werden Diskussionen über den hauseigenen Antisemitismus nichts anderem dienen, als das Blatt freizusprechen. Beim nächsten Antisemitismusvorwurf wird die TAZ Problembewusstsein auf der Höhe der Zeit signalisieren und auf die geleistete Debattenarbeit verweisen, getreu dem Motto: Mit Juden reden, auf Israel einschlagen.

 

Anmerkungen

(1) Ob es sich beim Antizionismus nicht lediglich um eine Spielart des Antisemitismus handelt, soll an dieser Stelle nicht verhandelt werden (Ausgerechnet in der TAZ erschien dieser Tage ein recht lesenswerter, wenn auch oberflächlicher Artikel dazu); ebenso nicht die Absurdität der Bezeichnung Israelkritik, die dann ins Auge sticht, wenn man Belgienkritik, Australienkritik o.ä. fordert.

(2) Ein nicht geringer Teil der Israelkritiker ist antisemitisch. Quantitativ-Empirische Studien zum Thema Antisemitismus sind für gewöhnlich mit Vorsicht zu genießen, da sie lediglich die Spitze des Eisbergs zu offenbaren vermögen. Zum einen zielen sie in der Regel auf einen manifesten Antisemitismus, in dem der strukturelle Antisemitismus bereits seinen adäquaten Inhalt gefunden hat. Ein Großteil der erfragten Items zielt dabei auf Sachverhalte ab, die der Befragte zwar so sehen, jedoch vielleicht nicht so äußern mag - gerade unter dem Eindruck dieser Tabuisierung bestimmter manifest-antisemitischer Stereotype hat ja eine Verschiebung hin zur 'Israelkritik' stattgefunden. Desweiteren wird in der Einzelpersonenbefragung ein wesentliches Element der autoritär-antisemitischen Persönlichkeit ausgeblendet; so wies beispielsweise Adorno darauf hin, dass der Gruppendynamik und den unterschiedlichen Rollen, die die Einzelnen darin einnehmen, eine entscheidende Bedeutung zu kommt. Kurz gesagt: in der Regel stellen empirische Antisemitismusstudien eine Untertreibung dar. Umso erstaunlicher ist dann folgendes Ergebnis:

“Eine des Antisemitismus unverdächtige Kritik an Israel ist möglich, aber selten. Nur 10% der Befragten, die im GMF-Survey 2004 eine Kritik an Israel ohne antisemitische Anleihen äußerten, signalisierten keine Zustimmung zu mindestens einer weiteren Facette des Antisemitismus.” (Quelle)