7/08/2010

Einzeltäter, deutschlandweit – Von Hitzköpfen und Zufallsopfern

Na toll! Gestern schrieb ich noch bei Facebook, ich sei “heute ausnahmsweise mal für Deutschland, damit sie gegen Holland verlieren können. Ich hoffe, die Opfer des nationalen Taumels der nächsten Tage können mir verzeihen”. Natürlich war ich dennoch zufrieden mit dem Ergebnis und begab mich auf den Weg zum Ludgerikreisel in Münster. Da sich dort nach siegreichen Spielen der deutschen Nationalmannschaft Szenen wie im nachfolgenden Video abspielen, war ich neugierig, wie sich die Deutschen diesmal verhalten würden.

 

 

Am ‘Kreisel’ angekommen, berichteten mir zwei Bekannte, dass es schon einige Schlägereien gegeben hätte, zudem hätten Deutschlandfans eine spanische Flagge verbrannt und vereinzelt Gegenstände auf Fans der spanischen Mannschaft geworfen. Die IVZ berichtet ebenfalls:  “An mehreren Stellen in der Stadt gab es Schlägereien.” Beim WDR zeigte man sich hingegen enttäuscht, dass die Deutschen hinter den Erwartungen zurückblieben: “Kaum Krawalle nach WM-Niederlage”. Eine kleine Gruppe junger Männer sang hinter uns: “Spanien ist das schwulste Land der Welt”, eine andere Gruppe hatte sich das WM-Motto aus dem Jahr 2006 - “Die Welt zu Gast bei Freunden” - zu Herzen genommen und skandierte nun folgerichtig rassistisch “Ihr könnt nach Hause fahr’n” in Richtung der spanischen Fans.  Nachdem zunächst einige Deutschlandsfans friedlich mit denen der spanischen Mannschaft feierten, bildete sich eine große Gruppe, die die Spanier lautstark zu überstimmen versuchten. Wahrscheinlich wollten sie die Fans der Gegenseite daran erinnern, wer hier Herr im Hause ist. Laut Polizeiangaben versammelten sich in Münster ca. 1000 Menschen.

 

Da es sich in anderen Städten Deutschlands nicht anders verhielt, hier nun eine kleine Presseschau:

 

Mühlhausen

Tödlicher Streit um Fußball

Nach dem WM-Halbfinale Deutschland-Spanien ist im thüringischen Mühlhausen ein Mann auf offener Straße erstochen worden. Ein 20-jähriger Tatverdächtiger wurde in der Nacht zum Donnerstag festgenommen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Der Mann gestand die tödliche Attacke, will aber aus Notwehr gehandelt haben. Ein Passant hatte den schwerverletzten Mann entdeckt. Der 21-Jährige starb auf dem Weg ins Krankenhaus an seinen Stichverletzungen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatten sich die beiden Männer zuvor gestritten. Dabei sei es «wohl um Fußball gegangen», sagte ein Sprecher. Bei einer Vernehmung gab der Täter an, er sei von dem anderen Mann angegriffen worden und habe sich zur Wehr gesetzt.

(Quelle)

 

Berlin

Berliner Polizei nimmt 64 gewalttätige Fans nach WM-Aus fest

Bei den öffentlichen Übertragungen des Fußball-WM-Halbfinales Deutschland gegen Spanien hatte die Berliner Polizei am Mittwoch mehr zu tun als bei den vorangegangenen Spielen der deutschen Elf. Insgesamt wurden 64 Personen im Zusammenhang mit gewalttätigen Vorkommnissen am Rande der Fanfeste festgenommen, wie die Polizei am Donnerstag mitteilte. Fünf Polizeibeamte erlitten Verletzungen.

Auf Deutschlands größtem Fanfest an der Siegessäule mussten Beamte frühzeitig gegen gewalttätige Zuschauer einschreiten, die sich prügelten, randalierten oder Feuerwerkskörper abbrannten. Einzelne Personen hätten sich aggressiver als bei den vorangegangenen Veranstaltungen gezeigt, sagte ein Sprecher. Auch sei schon vor Spielbeginn erhöhter Alkoholkonsum festgestellt worden.

Vereinzelt setzten Polizeibeamte auf dem Fanfest Pfefferspray gegen gewalttätige Personen ein. Nach Spielende strömten die meisten der rund 350 000 Zuschauer auf der Fanmeile friedlich nach Hause. Rund um den Potsdamer und Pariser Platz sowie am Rande der Fanmeile kam es laut Polizei allerdings wiederholt zu Körperverletzungen und Sachbeschädigungen.

Die in Charlottenburg eingerichteten Straßensperren hob die Polizei in Anbetracht der Niederlage der DFB-Elf schon kurz nach Spielende wieder auf. Ein Autokorso fand den Angaben zufolge nicht statt. Am Kurfürstendamm nahmen Polizeibeamte mehrere Gewalttäter fest.

(Quelle)

 

Karlsruhe

 

Aggressive Fans nach WM-Aus

Karlsruhe/Schwäbisch Gmünd - Nicht alle deutschen Fußballfans haben das Aus der Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft sportlich genommen. In vielen Städten des Landes kam es nach dem Spiel am Mittwochabend zu Schlägereien und Randale. Polizisten hatten alle Hände voll damit zu tun, die Streits zu schlichten.

In Karlsruhe hat ein enttäuschter und betrunkener Fußballfan nach dem verpatzten Einzug ins Finale zwei Polizisten verletzt. Der 18- Jährige aus Freiburg sei völlig ausgerastet und habe einen Beamten mit einem Kopfstoß verletzt, einen zweiten mit einem Kniestoß gegen den Kopf. Er wurde nach Angaben der Polizei vom Donnerstag festgenommen und verbrachte die Nacht in einer Ausnüchterungszelle. Auch andere Randalierer wurden vorübergehend im Gewahrsam genommen.

Zum Feuerzeug griff ein frustrierter Fan in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis). Er wollte sein T-Shirt an einem Zaun verbrennen. Als ihn der Besitzer des Zauns und seine Frau deswegen ansprachen, schlug er ihnen ins Gesicht.

Ein 18-jähriger Deutschland-Fan brachte in Albstadt (Zollernalbkreis) einen Konvoi zum Stocken, indem er sich vor das Fahrzeug einer jungen Frau stellte. Als sie links an dem Fahnenschwenker vorbeiziehen wollte, übersah sie ein Fahrzeug und stieß mit diesem zusammen. Der Mann wird nach Polizeiangaben wegen Nötigung angezeigt, die Autofahrerin muss mit einer Strafe wegen Verstoßes gegen die Verkehrsordnung rechnen.

(Quelle)

 

Den Angaben zufolge war die Stimmung im gesamten Karlsruher Stadtgebiet «gereizt». Zum Teil mussten die Beamten Platzverweise erteilen. Mehrere Personen wurden in Gewahrsam genommen.

(Quelle)

 

Ludwigsburg

 

Aggressive Stimmung nach WM-Niederlage

Nachdem rund 9.000 Fans die Übertragung an den sechs größen Übertragungsplätzen verfolgt hatten, kam es in der Folge bis gegen Mitternacht vor allem in der Ludwigsburger Innenstadt zu Pöbeleien und Sachbeschädigungen durch enttäuschte deutsche Fans, die ein konsequentes Einschreiten mitunter starker Polizeikräfte erforderten. Die vielerorts spürbare aggressive Grundstimmung verstärkte sich noch, nachdem sich feiernde spanische Fans zu einem Autokorso formierten. Ein Einsatzfahrzeug wurde in der Grönerstraße aus einer größeren Personengruppe heraus mit einer Bierflasche beworfen, die eine Seitenscheibe durchschlug. Es entstand Sachschaden von etwa 1.000 Euro. Die Beamten blieben unverletzt.

(Quelle)

In Ludwigsburg herrschte nach Polizeiangaben vielerorts eine «aggressive Stimmung». Bis Mitternacht kam es vor allem in der Innenstadt zu Pöbeleien und Sachbeschädigungen. Aus einer Gruppe heraus wurde ein Einsatzfahrzeug der Polizei mit einer Bierflasche beworfen. Dabei wurde die Seitenscheibe durchschlagen. Verletzt wurde niemand.

(Quelle)

 

Ahlen

 

Randale nach Abpfiff in Ahlen: Polizei verhindert Stürmung des „Las Tapas“

Fröhliches Feiern sieht anders aus: Mit einem massiven Polizeiaufgebot schirmten Einsatzkräfte am Abend unmittelbar nach dem Abpfiff des WM-Spiels Deutschland gegen Spanien das „Las Tapas“ ab. Es hätte Hinweise gegeben, dass „Idioten das Restaurant stürmen wollten“, hieß es aus der Leitstelle.

Mit sechs Fahrzeugen markierten die Ordnungshüter eine Trennlinie vor dem „Spanier“. Bereits eine halbe Stunde zuvor hatte die Polizei - ähnlich stark aufgestellt - den Marktplatz ein erstes Mal angesteuert. Während einer Kontrolle stießen die Beamten auf drei Jugendliche, die sich, so ein Sprecher, „nicht benehmen konnten“. Bei der Festnahme kam es zu Rangeleien.

Nach der 0:1-Niederlage hatten viele zumeist jugendliche Fans den Markt angesteuert und ihren Frust vor dem spanischen Restaurant lauthals skandiert.

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Massiv aggressiv: Zufallsopfer geschlagen und getreten

Im Visier der Fahnder: drei junge Männer im Alter von 18, 19 und 23 Jahren. Sie sollen gegen 21.45 Uhr einen 20-jährigen Fan auf dem „Alten Hof“ angegriffen haben, als er auf dem Weg zu einer Markt-Gaststätte war. „Sie beschimpften den 20-Jährigen grundlos und reagierten aggressiv“, so Artmann. Ein angetrunkener 18-Jähriger schlug dem Opfer mit der Faust ins Gesicht. Dabei stürzte er zu Boden. Einer der beteiligten trat ihm noch gegen den Oberkörper. Der Verletzte konnte sich aufrichten. Er eilte in eine Gaststätte und rief die Polizei. [...] Dagmar Artmann begründet den massiven Polizeieinsatz mit dem hohen Aggressionspotenzial, das von den Krawallmachern ausgegangen sei. „Sie hatten Lust, Randale zu machen. Der 20-Jährige war ein Zufallsopfer.“ [...] Nach Spielabpfiff kehrten die Einsatzkräfte auf den Marktplatz zurück. Gäste des spanischen Restaurants fühlten sich bedroht, nachdem Jugendliche von anderen Übertragungsorten ihren Ärger über die deutsche Niederlage lauthals Luft machten und die Schuldigen am Markt ausmachten (die „AZ“ berichtete). Die Polizei demonstrierte abermals mit sechs Fahrzeugen und zwei Dutzend Einsatzkräften Stärke und platzierte ihren Fuhrpark vor dem Restaurant. Später entspannte sich die Lage. Die Spanier feierten mit Verspätung.
Bereits vor zwei Jahren war die Situation nach dem finalen EM-Aus Deutschlands gegen Spanien vor dem „Las Tapas“ eskaliert. Seinerzeit hatten Rechtsgesinnte Stimmung gemacht. Es kam zu handgreiflichen Auseinandersetzungen, Feuerwerkskörper flogen in den Schankraum. Die Polizei nahm seinerzeit fünf Provokateure fest.

(Quelle)

 

Lüdenscheid

 

Jagdszenen auf stolze Träger spanischer Fahnen waren gestern Abend der traurige Tiefpunkt der vorübergehend aggressiven Stimmung nach der Halbfinalniederlage der deutschen Mannschaft. Für versöhnlichere Töne sorgten einige Fans, die später mit einer deutschen Fahne durch die Stadt zogen und eine Probe ihrer Gesangskunst gaben: „E viva España“.

Polizei und Sicherheitskräfte hatten die Lage jedoch sehr schnell im Griff, und die Fahnenträger waren klug genug, ihren Auftritt im Rosengarten mit einem flinken Abgang zu krönen. Zuvor war die Zahl der Fernseher in und um die Altstadt weiter gestiegen: Futterkrippen und Eisdielen hatten sich der Nachfrage nach kleinen und größeren „Public Viewing“-Gelegenheiten nicht mehr entziehen können.

(Quelle)

 

Kreis Mettmann

 

Nach der deutschen Halbfinal-Niederlage gegen Spanien hat es im Kreis Mettmann einige Schlägereien gegeben. Enttäuschte Deutschland-Fans Flaschen und Feuerwerkskörper auf Spanier. Die Polizei musste mehrmals eingreifen, um Fangruppen zu trennen und einzelne Personen in Gewahrsam zu nehmen.

An einer Kreuzung in Hilden geriet ein spanischer Autofahrer in eine Gruppe deutscher Fans, die ihn nicht weiterfahren ließen. Der spanische Fußballfan fühlte sich bedroht. Beim Versuch, langsam weiterzufahren, wurde ein deutscher Fan angefahren und leicht verletzt. Die Polizei konnte die Gemüter beruhigen.

(Quelle)

 

Ingolstadt

 

Frust nach Fußball- Pöbeleien in Ingolstadt

Eine teils aggressive Stimmung aufgrund der Niederlage der deutschen Mannschaft gegen Spanien hat gestern Abend auf dem Ingolstädter Rathausplatz zu Schlägereien geführt. Gegen 18 Uhr waren bereits rund 4.000 Fußballfans versammelt, kurz nach 20 Uhr wurde niemand mehr hereingelassen.

Deswegen wurde der Sicherheitsdienst immer wieder von aggressiven und angetrunkenen Fans angepöbelt.
Ein Polizeibeamter wurde bei der Auseinandersetzung mit einem 19-jährigen Ingolstädter verletzt.
Nach dem Spiel wurden einige Spanier und auch südländisch aussehende Gäste angepöbelt und auch angegriffen.
Zu kleineren Stänkereien kam es beim Fußballschauen auf dem Pfaffenhofener Sparkassenplatz. Im großen und ganzen verhielten sich die rund 2.000 Fans dort aber gesitteter. In Neuburg und Eichstätt meldet die Polizei keine Vorkommnisse, in Schrobenhausen dagegen kam es zu einer Schlägerei mit neun Beteiligten in der Altstadt.
Nach drei Angreifern wird noch gesucht.

(Quelle)

 

 

Reutlingen/Pfullingen (Man beachte die Wortwahl!)

Lediglich einige Hitzköpfe, meist unter Alkoholeinwirkung stehend, gaben ihrem Frust freien Lauf und waren in körperliche und verbale Auseinandersetzungen verwickelt. So ließ sich ein 20-jähriger, der deutlich unter Alkoholeinwirkung stand, zunächst zu einer Körperverletzung hinreißen, indem er Tische und Bänke gegen andere Fans warf und sich anschließend in der Albstraße selbst durch das Einschreiten der Polizei nicht beruhigen ließ. Er musste seinen Frust in der Zelle der Polizei abbauen und muss mit einer Anzeige wegen Körperverletzung rechnen.

Ein 29-jähriger geriet mit mehreren spanischen Fans in Streit und musste nach einer körperlichen Auseinandersetzung, bei dem ein 18-jähriger Reutlinger verletzt wurde, in Gewahrsam genommen werden. Den Weg in die Zelle konnte der alkoholisierte Störenfried laut Polizeibericht nur abwenden, weil ihn seine Mutter mit nach Hause nahm.

Gegenüber weiteren neun übermütigen Fans wurde wegen aggressiven Verhaltens ein Platzverweis ausgesprochen und sie wurden nach Hause geschickt.

(Quelle)

 

Und in ganz Deutschland

In allen Städten gab es Autokorsos spanischer Fans. Diese verliefen abgesehen von Rufen frustrierter deutscher Fans zum Großteil friedlich.

(Quelle)

 

Warum das alles? Die Berliner Polizei hat eine plausible Erklärung: “Insgesamt sei die Stimmung aggressiver gewesen als bei den letzten Übertragungen von Deutschland-Spielen. Dies liege vermutlich daran, dass deutlich mehr Alkohol konsumiert wurde.”

 

Leseempfehlung

Wie ich grade sehe, ist das versprochene Fußball-WM-Special der Rubrik “No-go-area Deutschland” der Zeitschrift Konkret veröffentlicht worden:

Neonazi-Randale, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen und zwei Tote: so die Bilanz des "fröhlichen Partyotismus" bis zum Aus der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußball-WM. Aus gegebenem Anlaß präsentiert KONKRET diese Spezialausgabe der Chronik aus dem ganz normalen "Fußball-Deutschland". weiterlesen...


Kommentare:

  1. dazu noch eine anekdote:
    ich wohne ziemlich nah an münsters feiermeile ludgerikreisel.
    mein mitbewohner hat vor zwei wochen ein "deutschland halt's maul" plakat ins fenster gehängt, das man von der straße sehen kann.
    nach dem spiel letzten samstag klingelte es bei uns und ein großer, tätowierter deutscher stand in der tür und wollte wissen, ob wir "die scheiße ins fenster gehängt hätten".
    weil wir sofort die tür zuschlugen hat der typ dann stellvertretend unserem nachbarn eine reingehauen (dem zum glück nichts weiter passiert ist) und daraufhin einen platzverweis von der polizei kassiert.

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  2. Danke für die Sammlung der erschreckenden Nachrichten.

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Bitte mit Namen kommentieren, da man sich ansonsten immer auf anonym1, anonym2 usw. beziehen muß.