7/06/2010

Tabu la rossa

“Immer Ärger mit der TAZ” – unter diesem schnoddrigen oder, wie es wohl im Klienteljargon heißt: frechen Motto lud die TAZ zu einer zweiten Podiumsdiskussion über “den Umgang deutscher Medien mit Erinnerungskultur, Israelkritik und Antisemitismus” ein. In einem TAZ-Kommentar hatte sich Iris Hefets, Vertreterin der grotesken Organisation Jüdische Stimme für Hamas nicht entblödet, über das “Evangelium von Auschwitz” und Israels “Schoah-Kult” zu schwadronieren. Damit, wie auch mit ihrer sonstigen Arbeit, erntete sie wie zu erwarten Beifall von den üblichen Verdächtigen von links bis rechts. Worum es im Kern geht, lässt sich bei Lizas Welt nachlesen:

Im Grunde genommen muss man dem Blatt wie auch seiner Autorin nachgerade dankbar dafür sein, derart blank gezogen zu haben. Denn beide haben dadurch ihre Agenda erfreulich offen gelegt und deutlich gemacht, worauf die „Israelkritik“ in letzter Konsequenz immer hinausläuft: auf eine Dämonisierung und Delegitimierung des jüdischen Staates, auf eine Verdrehung von Tätern und Opfern und auf eine Entlastung von der originär deutschen Tat Auschwitz. Die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost ist eine eigentlich vernachlässigenswerte Gruppierung, die selten mehr auf die Beine bringt als ein Dutzend Nebbichs. Dass die taz dennoch – oder gerade deswegen – den Stumpfsinn, den diese Vereinigung aus welchen Gründen auch immer verbreitet, durch den Abdruck des nämlichen Kommentars veredelt hat, spricht allerdings Bände.

Nachdem Ines Pohl mitsamt etwa 30 Vertretern der Jüdischen Stimme bereits bei der ersten Diskussionsveranstaltung für einen Eklat sorgte  (in der TAZ sieht man das ganze natürlich, wie auch sonst, vollkommen anders: “Doch es gab Tumult”), wollte man diesmal folgende, der TAZ unter den Nägeln brennende Fragen diskutieren: “Was ist so gefährlich daran, die israelische Politik zu kritisieren? Wo liegen die Fallstricke und wo die Chancen?” Nichts ist gefährlich daran, möchte man ihnen zurufen. Und Fallstricke gibt es ebenso nicht, außer er meint damit etwas anderes, nämlich Antisemitismus; wobei es schon bezeichnend ist, dass dieser bei der TAZ unter ‘Fallstricke’ läuft.

 

Kritiktabu und Antisemitismus

Antizionismus, Israelkritik und Kritik an der israelischen Politik sind ebenso allgegenwärtig wie das Lamento, dass Antizionismus, Israelkritik und Kritik an der israelischen Politik ‘ja wohl erlaubt sein müsse’ bzw. dass ein Kritikverbot herrsche (1). Den unbedarften Zuschauer würde dieses empirische Faktum wohl dazu verleiten, die sich verfolgt wähnenden ‘Kritiker’ auf diesen Sachverhalt hinzuweisen in der Hoffnung, diese würden ihr Vor-Urteil revidieren. Der Versuch, dem Antisemitismus mit Fakten beizukommen, ist jedoch zum Scheitern verurteilt. Schlimmer noch: “Der öffentliche Diskurs, ob etwas antisemitisch sei oder nicht, ist selbst ein Bestandteil der antisemitischen Praxis.” (Detlev Claussen) Und sowohl die TAZ als auch die von und mit ihr anberaumte Debatte ist Teil des Problems, nicht die Lösung.

Der Behauptung, man dürfe Israel nicht kritisieren, kommt im antisemitischen Weltbild eine bedeutende Scharnierfunktion zu: In ihr vermengen sich sekundärer Antisemitismus, als Israelkritik getarnter Antisemitismus sowie die klassisch-antisemitische Unterstellung jüdischer Meinungs-, Medien- und Manipulationsmacht; so vermag sie es, verschiedenste antisemitischen Fraktionen, vom Stammtischnazi bis zum streetfighting antizionist, zu vereinen. Desweiteren ist es nicht unwesentlich, dass jene Tabubehauptung beim Antisemiten, dessen Wesen die Paranoia ist, das Gefühl des persönlich Betroffenseins wachruft und er sich somit direkt als Objekt einer jüdischen Weltverschwörung halluzinieren kann. Zudem kann die Behauptung als Teil einer Selbstimmunisierungsstrategie begriffen werden: Die Kritik an einer antisemitischen Aussage (2) wird somit zu einer Bestätigung des antisemitischen Weltbildes – Ich mach mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt. Aus diesen Gründen gibt es nur einen richtigen Umgang mit derlei Behauptungen: Es gibt kein Verbot Israel zu kritisieren. Punkt! Keine Diskussion!

Die jetzt von der TAZ ins Leben gerufene Debatte unterstellt hingegen, dass es etwas zu bereden gäbe. Der Antisemit sieht sich als Opfer von Verschwörungen, als ‘Kleiner Mann’, der den Schlüssel zu Welterklärung in den Händen hält und allein schon die Diskussion bestätigt ihn in seiner Zwangsvorstellung, dass überall Kritik erlaubt, sie bei Israel jedoch erst zu verhandeln sei. Sie erhebt den Antisemiten und sein Anliegen in den Rang eines ernstzunehmenden Diskussionspartners bzw. Diskussionsgegenstandes.

 

Der hilflose Antiantisemitismus

Der TAZ geht es vermutlich auch weniger darum, ihren Antisemitismus (und somit ihre antisemitische Leserschaft) loszuwerden als vielmehr das Etikett. Doch nehmen wir sie mal beim Wort: Auch wenn es durchaus sinnvoll sein mag, irgendwelche Minimalstandards  in der Medienberichterstattung über Israel durchzusetzen (und allein die Notwendigkeit dessen spricht Bände), geht eine solche Debatte am Problem vorbei. Man einigt sich im besten Fall auf bestimmte Aussagen, die zu unterlassen sind. In der Regel landet man dann irgendwo zwischen der EU-Arbeitsdefinition und den berühmten 3D: Dämonisierung, doppelte Standards, Delegitimierung. Diese Definitionen sind sicherlich eine Hilfe, um besonders kruden Antisemitismus zu erkennen, doch kranken sie an den selben Problemen wie der Großteil der empirisch-positivistischen Antisemitismusforschung: Sie bewegen sich auf der Ebene von Einzelaussagen und begreifen den Antisemitismus nicht als ein Welterklärungsmuster, dem eine bestimmte Denkstruktur zugrunde liegt.

Im Rahmen dieser Denkstruktur können beispielsweise das Weglassen von Informationen, der Fokus der Berichterstattung, das Streuen von Gerüchten, das gleichwertige und unkommentierte Zitieren verschiedener Parteien, deren Aussagen nicht gleichwertig sind (z.b. Paech als Augenzeuge), schiefe Vergleiche und Wortwahl (Hilfskonvoi, Soliflotte, Friedensaktivisten, Blutbad usw.), das verspätete Nachreichen von Informationen und last, not least, das Zitieren jüdisch-israelischer Kronzeugen für seine eigenen Unterstellungen ausreichen, um von mehr als Israelkritik zu sprechen. Selbst journalistisch einwandfreie Artikel, die nichts als Fakten enthalten, können in bestimmten Fällen und Kontexten ausreichen, um eine  antisemitischen Berichterstattung zu besorgen. “Noch die Wahrheit wird [der Propaganda] ein bloßes Mittel, zum Zweck Anhänger zu gewinnen, sie fälscht sie schon, indem sie sie in den Mund nimmt.” (Adorno/Horkheimer) Der Antisemitismus ist also viel weniger ein Phänomen, dass sich allein in einzelnen Aussagen widerspiegelt, als vielmehr eines, dass sich in Aussagesystemen einnistet bzw. diesen zugrundeliegt, sie strukturiert. Er ist eine im Wortsinne a-soziale Massenbewegung, die ihr Zentrum allein in ihrer Aggression gegen den Feind besitzt; sein Element ist “das Gerücht über die Juden” (Adorno) Dabei hat er stets versucht, Faktum und Ressentiment zu verknüpfen.

Die TAZ ist ein Bravourstück des strukturellen Antisemitismus. Dieser Antisemitismus, der der TAZ Anathema ist und aus Existenzgründen sein muss, ist die basale Denk- und Anschauungsform, die Alltagsreligion kapitalistischer Subjekte. Die TAZ hat sich seit jeher darum verdient gemacht, ihn mit besonderer Sorgfalt zu hegen und zu pflegen. Seit ihrer Gründung hängt sie sich stets an den Teil der Linken, der sich am stärksten durch Reflexionsfreiheit, Begriffslosigkeit und Ressentiment auszeichnen: die Nationalbefreier der Antiimpbewegung, die durch und durch deutsche Friedens-, Öko- und Antiatombewegung, die Spekulantenfresser der Hausbesetzerszene, die paranoiden Volkszählungsgegner (es geht bald wieder los) und nicht zuletzt natürlich die antisemitischen Antizionisten. Gegenwärtig widmet man sich, neben Verbraucherschutzinformationen über diese unheimlichen kleinen Dinge im Essen (“Gene”) und der mit Angstlust herbeigesehnten Klimakatastrophe als Rache für die menschliche Hybris, vorrangig dem postmodernen Ethnopluralismus Antirassismus  sowie dem Abhub aller vorangegangenen linken Bewegungen, nämlich den regressiven Antikapitalisten der No-Globals. Aus der roten TAZ wurde die Tobin-TAZ: Raider heißt jetzt Twix – sonst ändert sich nix. Solange die TAZ nicht aufhört, TAZ zu sein, werden Diskussionen über den hauseigenen Antisemitismus nichts anderem dienen, als das Blatt freizusprechen. Beim nächsten Antisemitismusvorwurf wird die TAZ Problembewusstsein auf der Höhe der Zeit signalisieren und auf die geleistete Debattenarbeit verweisen, getreu dem Motto: Mit Juden reden, auf Israel einschlagen.

 

Anmerkungen

(1) Ob es sich beim Antizionismus nicht lediglich um eine Spielart des Antisemitismus handelt, soll an dieser Stelle nicht verhandelt werden (Ausgerechnet in der TAZ erschien dieser Tage ein recht lesenswerter, wenn auch oberflächlicher Artikel dazu); ebenso nicht die Absurdität der Bezeichnung Israelkritik, die dann ins Auge sticht, wenn man Belgienkritik, Australienkritik o.ä. fordert.

(2) Ein nicht geringer Teil der Israelkritiker ist antisemitisch. Quantitativ-Empirische Studien zum Thema Antisemitismus sind für gewöhnlich mit Vorsicht zu genießen, da sie lediglich die Spitze des Eisbergs zu offenbaren vermögen. Zum einen zielen sie in der Regel auf einen manifesten Antisemitismus, in dem der strukturelle Antisemitismus bereits seinen adäquaten Inhalt gefunden hat. Ein Großteil der erfragten Items zielt dabei auf Sachverhalte ab, die der Befragte zwar so sehen, jedoch vielleicht nicht so äußern mag - gerade unter dem Eindruck dieser Tabuisierung bestimmter manifest-antisemitischer Stereotype hat ja eine Verschiebung hin zur 'Israelkritik' stattgefunden. Desweiteren wird in der Einzelpersonenbefragung ein wesentliches Element der autoritär-antisemitischen Persönlichkeit ausgeblendet; so wies beispielsweise Adorno darauf hin, dass der Gruppendynamik und den unterschiedlichen Rollen, die die Einzelnen darin einnehmen, eine entscheidende Bedeutung zu kommt. Kurz gesagt: in der Regel stellen empirische Antisemitismusstudien eine Untertreibung dar. Umso erstaunlicher ist dann folgendes Ergebnis:

“Eine des Antisemitismus unverdächtige Kritik an Israel ist möglich, aber selten. Nur 10% der Befragten, die im GMF-Survey 2004 eine Kritik an Israel ohne antisemitische Anleihen äußerten, signalisierten keine Zustimmung zu mindestens einer weiteren Facette des Antisemitismus.” (Quelle)


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