7/27/2010

Unser Holocaust – Der Juden Knacks und der Judenknacks

In Claudio Casulas vortrefflicher Liste "Was Israelkritiker sagen - und was sie wirklich dabei denken" fehlt ein wichtiges Exemplar. Die Aussage ‘Israel instrumentalisiert und relativiert den Holocaust, weil es Parallelen zwischen dem deutschen und dem arabisch-islamischen Antisemitismus zieht’ meint übersetzt:

Als Weltmeister der Geschichtsaufarbeitung haben wir Deutschen die Deutungshoheit in Sachen Antisemitismus - wer Antisemit ist, bestimmen wir! Seit geraumer Zeit hat die Holocaustindustrie ihr Tätigkeitsfeld auf Produktpiraterie ausgeweitet mit dem Ziel, selbstmächtig über das deutsche Eigentum Holocaust©, Auschwitz© und Shoah© zu verfügen. Dabei weiß jeder, dass es sich nur um zweitklassige Imitate handeln kann, deren Qualität niemals an made in germany heranreichen wird. Schlimmer noch: Die Unterstellung, Israel sehe sich Kräften gegenüber, die auf seine Vernichtung abzielen, ist nichts als Demagogie und Propaganda, weswegen sich nicht nur Gleichsetzungen, sondern auch schon Vergleiche verbieten.

Ein Beispiel für diese Haltung fand sich heute in einem  Kommentar von Daniel Bax, der in der antisemitischen Debattenreihe ‘Unser Israel’ (bei Bax ist das Programm) unter dem Titel ‘Wir Israelversteher’ in der TAZ erschien: "Solche Gleichsetzungen relativieren den Holocaust, der ein einzigartiges Verbrechen war, das bekanntlich von Deutschen begangen wurde”, sagt er beleidigt und stolz zugleich. “Muss man betonen, dass sich die politische Lage im heutigen Nahen Osten nicht annähernd mit der Verfolgung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs vergleichen lässt?”

Das iranische Atomprogramm, Ahmadinedschads Vernichtungsdrohungen, die Charta der Hamas (mit der entsprechenden Praxis), judenfreie Länder unter islamischer Herrschaft; dazu noch eine äußerst selektive und israelfeindliche UN, eine ignorante Weltöffentlichkeit,  usw. – das sind für Bax jüdisch-israelische Einbildungen, oder, in seinen Worten: ”Alarmismus”, “Demagogie”, “natürlich Propaganda”, “historische Kurzschlüsse”, “Brachialrhetorik”, “Faible für Nazi-Vergleiche”, “Juden, die sich bis heute als unverstandene Opfer der Geschichte fühlen”, “Selbstviktimisierung” und Missbrauch. Da den Juden den Israelis aber auch gar nichts heilig ist, wird selbst der Holocaust zum Mittel zu Macht und Geld:

“Das ist natürlich Propaganda, die einem klaren politischen Zweck dient. Denn mit diesem Alarmismus, der einen Ausnahmezustand suggeriert, lässt sich noch jede israelische Aggression - bis hin zu einem Angriff auf den Iran - als Akt der Notwehr verkaufen. Leider verfängt diese Demagogie erstaunlich gut. […] Doch keine israelische Regierung missbraucht den Holocaust so sehr wie die gegenwärtige, um damit ihre Politik zu rechtfertigen. Netanjahu hat ein Faible für Nazi-Vergleiche: Vor der UN-Vollversammlung verstieg er sich dazu, den Gazakrieg mit dem Kampf der Alliierten gegen die Nazis zu vergleichen. Und den früheren deutschen Außenminister Steinmeier belehrte er, das Westjordanland dürfe durch den Abzug der israelischen Siedler nicht "judenrein" werden.”

Auschwitz darf keine Rolle mehr für die jüdische Identität und israelische Politik spielen! Auch im Bereich der Vergangenheitsbewältigung gilt: am deutschen Wesen soll die Welt genesen. Für Bax gibt es einen Nährboden, auf dem solche Propaganda gedeiht: Die Juden, die vielleicht wirkliche Bedenken und Ängste haben könnten; und zwar nicht nur wegen ‘der Geschichte’, sondern auch angesichts der Gegenwart. Ihnen empfiehlt Dr. Sigmund Bax implizit den Gang zum Therapeuten, um sich von ihrer Paranoia heilen zu lassen: “Bei all jenen Israelis und Juden, die sich bis heute als unverstandene Opfer der Geschichte fühlen, fällt solche Brachialrhetorik auf fruchtbaren Boden. Die Selbstviktimisierung hilft ihnen, Israels Besatzungspolitik und seine Kriege zu relativieren.”

Dabei hat Bax nicht mal unbedingt etwas gegen die Instrumentalisierung ‘des Holocaust’, er will nur das Monopol wahren. Rechtmäßiger Eigentümer ist der ‘Gerade-wir-als-Deutsche’-Deutsche, wozu er sich freilich auch zählt: “Gehört es also zu den Lehren aus der deutschen Geschichte, eine rechte Regierung zu unterstützen, die Friedensgespräche ablehnt und von einem Israel bis zum Jordan träumt?” Derart suggestiv gefragt, wettert er gegen die Moralkeule Auschwitz:

“Leider verfängt diese Demagogie erstaunlich gut. […] auch in Deutschland, wo es vielen schwerfällt, Israelis anders als in jener Opferrolle der Juden wahrzunehmen, die man aus dem Geschichstunterricht kennt. […]  Denn in wenigen Ländern kann Israels Politik mit so viel Verständnis rechnen wie hierzulande. Das gilt nicht nur mit Blick auf Bundeskanzlerin Angela Merkel oder die Zeitungen aus dem Axel-Springer-Verlag, deren Vorstandschef Mathias Döpfner einmal voller Ernst von sich sagte, er sei "ein nichtjüdischer Zionist". Das trifft auch auf vermeintlich "linke" Blätter wie Konkret oder Jungle World zu, die Israel bevorzugt als Opfer ausländischer Mächte zeichnen und sogar seine rechte bis rechtsextreme Regierung mit Inbrunst verteidigen. […] Der Ruf nach unbedingter "Solidarität mit Israel", der aus solchen Ecken ertönt, lenkt von anderen, wichtigeren Fragen ab: Kann ein Demokrat gezielte Tötungen von "Terroristen" (wer immer diese als solche definiert) als Mittel der Politik gutheißen? Kann er die Besatzung und den Siedlungsbau im Westjordanland, Blockade und Bombardierung des Gazastreifens unterstützen? Oder zumindest begrüßen, dass die deutsche Kanzlerin dazu kaum Kritik äußert aufgrund unserer "Verantwortung für den Holocaust"?”

Was für eine mächtige Front: Springer, Merkel und “vermeintlich ‘linke’ Blätter wie Konkret oder Jungle World”; da heißt es wohl: Gute Nacht, Palästina! Müßig darauf hinzuweisen, dass es sich in der deutschen Realität von Presse und Politik ein wenig anders verhält. Was die Linke angeht, so erteilt Dr. Sigmund Bax auch hier den Ratschlag: Auf die Couch! 

“Manche Linke sahen einst die Sowjetunion als "gelobtes Land" an und denunzierten jede Kritik am Kommunismus als ‘unsolidarisch’ - jetzt halten es manche mit Israel so. Der Schulterschluss mit Israel hat zudem eine psychologische Entlastungsfunktion: Manche glauben, damit jenen antifaschistischen Widerstand nachzuholen, den die eigenen Eltern und Großeltern leider versäumten. Sehr empfänglich sind sie daher für Netanjahus Propaganda, die suggeriert, die Palästinenser oder der Iran seien ‘die Nazis von heute’.”

So verdreht man einen Gedanken, der eigentlich einmal polemisch gegen linke Antifaschisten wie Bax gerichtet war; zudem ist bezeichnend, dass dieser Sachverhalt, der den gesamten Post-68er Antifaschismus kennzeichnet, genau dann und erst dann in der TAZ auftaucht, wenn Linke einmal etwas Vernünftiges tun und sich hinter Israel stellen. Apropos Broder – auch hier hat Bax ein super Argument parat:

“Harmlos ist die deutsche Begeisterung für Israel, solange sie sich in naiver Schwärmerei für Land und Leute erschöpft. Schwieriger wird es, wenn sie mit antidemokratischen Haltungen einhergeht, die in Israel weit verbreitet sind - zum Beispiel rassistische Vorurteile gegenüber Arabern und anderen Muslimen. Es ist ja kein Zufall, dass unter den größten Israelfans auch die schärfsten Islamgegner zu finden sind - und umgekehrt. Ob Henryk M. Broder, Ralph Giordano, der holländische Rechtspopulist Geert Wilders oder Internet-Hetzblogs wie Politically Incorrect - sie alle preisen Israel als Vorbild und plädieren dafür, Muslime in Europa zu diskriminieren.”

Nun, ob die genannte harmlose Schwärmerei für Land und Leute wirklich so harmlos ist – geschenkt. Viel schöner ist die Argumentationslogik: Wer Israel unterstützt, wird nicht umhinkommen, die Rolle des Islam kritisch unter die Lupe zu nehmen. Da sich im Fahrwasser der Islamkritik auch Rassisten tummeln, ist Israelsolidarität auch igitt. Das sind die tollen Argumentationsfiguren des ‘geht-oft-einher-mit’ und ‘wird-ähnlich-vertreten-von’: Israelsolidarität und Islamophobie, Broder und PI – irgendwie haben die alle entfernt was miteinander zu tun. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern! (Und nur nebenbei: Broder kann gar nicht islamophob sein, da er selbst ein Moslem ist – und einige seiner besten Freunde bestimmt auch!)

Holocaust-Trauma und jüdischer Überlebenswahnwille, psychologische Entlastungssuche bei den Antideutschen und Islamophobie in der Israelsolidarität – es ist überaus amüsant bei jemandem, der andere derart pathologisieren möchte, folgende Freudsche Fehlleistung zu lesen: “Wenn man die Welt so einäugig betrachtet, wiegt ein falsch beschnittenes Agenturfoto weit schwerer als neun Tote es tun”. Unter den Einäugigen ist der Unbeschnittene ein König, wird sich Bax wohl gedacht haben.

 

Nachtrag:

Im – wohlgemerkt moderierten - Kommentarbereich zum Artikel hat TAZ-Leser Johan Schreuder eine tolle Idee:

“Vorschlag,
Ich weiss nicht genau wie viel unschuldige menschen Israel seit der Gründung ermordet hat.
Sollen sie doch einer ihre, nicht vorhandene, Atombomben schmeissen damit
die gesamt zahl auf ca. 6 Millionen kommt.
Wäre es dann ausgeglichen??”


Kommentare:

  1. Tja. Die deutsche Linke ist inzwischen eher noch dümmer und widerlicher als die Rechte.
    Von Daniel Dummbax ist aber wirklich nichts Anderes zu erwarten. Ich kann die taz inzwischen nicht mehr ohne intensive Gefühle von Ekel und und Abscheu lesen.

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  2. Nicht zu vergessen, dass TAZ und Konsorten bei jeder Gelegenheit selbst den Holocaust instrumentalisieren. Etwa wenn ein liberaler niederländischer Politiker mit Hitlerbärtchen abgebildet wird.

    http://www.perlentaucher.de/cdata/fliess/B1/Q4/A26833/0303taz.jpg

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  3. http://nichtidentisches.wordpress.com/2010/08/03/daniel-bax-wir-israelversteher-ein-paradebeispiel-des-linken-antisemitismus/

    hab dich verlinkt, das mit dem "falsch beschnitten" hab ich übersehen.

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  4. Die TAZ setzt weiterhin auf Antisemitismus:

    http://www.wadinet.de/blog/?p=2923

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Bitte mit Namen kommentieren, da man sich ansonsten immer auf anonym1, anonym2 usw. beziehen muß.