9/14/2010

Der Sarrazin-Komplex

Im folgenden ist ein Ankündigungstext zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Justus Wertmüller (Redaktion Bahamas) dokumentiert. Geplant ist sie für Donnerstag, 30. September 2010, um 19.30Uhr in München. Der genaue Veranstaltungsort wird noch bekannt gegeben. Veranstalter ist die Gruppe Monaco/Verein freier Menschen (AO).

Warum die Kritiker Sarrazins im Unrecht und seine Thesen trotzdem verkehrt sind

„Volksheld Sarrazin“, titelt der Spiegel. Und schiebt hinterher: „Warum so viele Deutsche einem Provokateur verfallen.“ Die Sprache verrät, was in den Köpfen der deutschen Journaille vor sich geht. Die Verachtung für die Massen, die scheinbar immer nur irgendwelchen Volkstribunen hinterherlaufen und ihnen dann, wenn nicht ein kluger Kopf aus dem Hause Augstein sie auf den rechten Pfad führt, „verfallen“, beruht auf der Voraussetzung, dass es den faschistischen Mob, den die Nazis erfolgreich mobilisierten, nach wie vor gibt. Das Misstrauen der intellektuellen Elite rührt daher, dass sie ihre eigene Aufrichtigkeit nur im Gegensatz zum angeblich furchtbar rassistischen und im Kern immer schon zum Pogrom bereiten „kleinen Mann auf der Straße“ konstruieren können. So agieren sie als ständige Mahner und Warner und verdrängen doch, dass es immer schon gerade die Intellektuellen waren, die die Barbarisierung der Gesellschaft vorangetrieben haben. Der Fall Sarrazin zeigt, dass die Homogenität der Meinungen, die zur Schau gestellte Einmütigkeit „aller Demokraten“, eine Farce ist. Denn die so genannten Meinungsmacher vermögen, wenn man die breite Zustimmung zu Sarrazins Thesen abseits der politischen und intellektuellen Öffentlichkeit betrachtet, die Einzelnen kaum noch überzeugen. Zu sehr sind in den letzten Jahren die unmittelbare Erfahrung – etwa dass es nicht nur große Integrationsprobleme, sondern auch eine durchaus bedrohliche Islamisierung in Deutschland gibt – und die ideologischen Rationalisierungen der linken Elite auseinander getreten.

Gäbe es den Thilo Sarrazin nicht, die politische Klasse mitsamt ihrem linken bis linksextremen Anhang müsste ihn erfinden. An ihm kann sie wieder einmal demonstrieren, dass sie und nur sie für das Wahre, Gute und Schöne eintrete. In der derzeitigen Mobilisierung des militanten Arms der Zivilgesellschaft, der selbst ernannten „Antifa“ nämlich, gegen die Veranstaltung mit Thilo Sarrazin im Münchner Literaturhaus drückt sich zweierlei aus: Der autoritäre und im Ernstfall auch gewalttätige Versuch, Personen, die nicht das sagen, was man von ihnen erwartet, das Rederecht zu entziehen, sowie die Unfähigkeit, sich mit der kritisierten Position argumentativ auseinanderzusetzen. Dies räumt die Antifa sogar freimütig ein: „Mit Rassisten gibt es nichts zu diskutieren.“ (http://www.antifa-nt.de/) Wäre sie in der Lage darzulegen, warum Sarrazin ein solcher sein soll, dann hätte sie durchaus Recht: Aber die „besseren Argumente“, die sie angeblich vorgebracht hat, sind gar keine, sondern nur reflexhafte Aneinanderreihungen von Denunziationen, die zu allem Überdruss noch in schlechtestem „Dummdeutsch“ (Henscheid) verfasst sind. Von „Enttäuschung“ über die Veranstalter ist da die Rede, weil diese partout nicht den dreisten (und darüber hinaus hirnrissigen) Erpressungsversuchen der Antifa nachgeben wollen.

Dass die Antifa mit ihrer Kritik an Thilo Sarrazin meilenweit vorbeischießt, zeigt die Tatsache, dass sie ihm genau dort Rassismus unterstellt, wo er schlicht Tatsachen benennt: Rassistisch sei es, wenn Sarrazin von „weniger intelligenten und integrationsunwilligen Muslim_innen“ spreche, dabei weiß inzwischen jedes Kind, dass eine große Zahl von Moslems in Deutschland sich weder nach einem gedeihlichen Zusammenleben mit den „Ungläubigen“ sehnt noch besonderen Wert auf die verwestlichte, ergo: blasphemische Bildung legt. Diese Tatsache hat nichts mit Genen zu tun, was sogar Sarrazin zu ahnen scheint, wenn er die Behauptung, eine „vererbbare Intelligenz“ sei ganz entscheidend für den Bildungserfolg, immer wieder durch den Hinweis auf die gesellschaftlich produzierte Dummheit ganzer Generationen abzustützen sucht. Dass aber die Bezeichnungen „Kopftuchmädchen“ und „Importbraut“ nicht, wie die Antifa meint, eine „Abwertung muslimischer Frauen“ von Seiten Sarrazins darstellen, sondern die real existierende, von der community und den Familien verbrochene Abwertung von Frauen zu patriarchalem Eigentum auf den Begriff bringt, wollen Freunde des Respekts vor anderen Kulturen nicht verstehen. Auch über die These, es gebe ein „jüdisches Gen“, zeigt man sich nicht minder empört als Sigmar Gabriel, Ranga Yogeshwar und Co. Es gibt seit Jahrzehnten immer wieder Forschungsergebnisse renommierter Genetiker, die tatsächlich nahe legen, dass ein größerer Prozentsatz von aschkenasischen Juden relativ zu anderen Gruppen gesehen erhebliche genetische Ähnlichkeiten aufweist, aber das gilt Alarmisten, die bei jeder falschen Gelegenheit „Wehret den Anfängen!“ rufen, als Skandal. Dabei wäre doch die entscheidende Frage, was man mit den Erkenntnissen der Wissenschaftler begründen zu können glaubt. Sarrazin hat, auch wenn die Linke das gerne hätte, zwar fälschlich gesagt, es gebe ein Juden-Gen, aber nicht, dass aus diesem automatisch ein besonderer jüdischer Charakter folge. Von daher hat die skandalumwitterte Aussage weder etwas mit Antisemitismus noch mit Rassismus zu tun.

Kurz und gut: Wäre Sarrazin der, für den die politische Klasse, die Medien, Münchner Antifas und auch viele seiner islamkritischen Verteidiger (Broder, Kelek, Giordano und andere) ihn halten, ein Kritiker der islamischen Unkultur also, man müsste sofort Partei für ihn ergreifen. Allein, es ist nicht so. Denn Sarrazins Thesen richten sich nicht gegen das System Islam, sondern gegen die Unproduktiven, deren objektive ökonomische Überflüssigkeit er als individuelle Inkarnation des kapitalistischen Verwertungsimperativs schonungslos ausspricht. Dass das gesellschaftliche und weltanschauliche System Islam durch seine Geschlechterapartheid und seine menschenfeindliche Unterdrückung des Intellekts diese Unproduktivität in besonderem Maße fördert, weshalb der Anteil der Moslems am Heer der Überflüssigen deutlich überproportional ist, wollen nur wenige wahrhaben. Anstatt diesen Zustand zu denunzieren, verlegt sich auch Sarrazin darauf, ihn zu ontologisieren, indem er behauptet, die Moslems seien kollektiv und irreversibel unnütz. Sarrazin plaudert damit die Logik der Spiegellesenden, mittelständischen Eltern autonomer Münchner Antirassisten aus, die penibel darauf achten, dass ihre Sprösslinge bloß keine Problemschulen mit hohem Ausländeranteil besuchen, damit sie auch ja nicht den „Unproduktiven“ zugeschlagen werden. Die Viertel, in denen sie leben, sind hier – anders als in Berlin oder Köln – sowieso weitgehend ausländerfrei, „Kopftuchmädchen“ kennt man hier nur aus dem Fernsehen. Die vom Islam Unterdrückten werden auf- und den communitys preisgegeben. Indem die Politiker und ihre Lautsprecher sich alle „islamophoben“ Äußerungen verbitten, zementieren sie die gesellschaftliche Segregation und fördern die Islamisierung.

Das Schicksal von Türken oder Arabern, die man gelernt hat, „Muslim_innen“ zu nennen, als ob der Genderquatsch auch nur irgendeinen türkischen Schwulen oder ein arabisches Mädel vor dem Zugriff ihrer Väter, Brüder und Ehemänner schützen würde, ist den linken Gegnern Sarrazins also vollkommen egal. Die simple Tatsache, dass sich im Kapitalismus der Wert des Menschen über den Tauschwert der Ware Arbeitskraft definiert, von Ideologen wie Sarrazin treffend, wenn auch affirmativ als „Produktivität“ bezeichnet, erscheint ihnen vor allem deswegen als Zumutung, weil sie selbst nichts leisten außer in öden Uniseminaren cultural und gender studies zu pauken, die sie rationalisierend als kritische Theorie ausgeben. Dass es nicht wenige Türken und Araber gibt, die sich nicht nur gerne bilden (und darunter mehr als die Erlernung pseudorevolutionären Jargons verstehen), sondern sogar mehrwertproduktiv arbeiten würden, denen aber die Möglichkeiten dazu ständig von einer barbarischen Kultur und deren Protagonisten verbaut werden, mag man in „lohnarbeitskritischen“ Kreisen nicht gerne denken. Man will und kann nicht begreifen, dass gerade im Spätkapitalismus die Lohnarbeit einen emanzipatorischen Charakter annehmen kann, insofern sie dem Einzelnen die Möglichkeit verschafft, sein Leben jenseits von patriarchaler und staatlicher Bevormundung zu leben. Dass ein Arbeitsplatz, an dem man zur Akkumulation von Mehrwert beitragen kann, eben nicht nur Ausbeutung und Herrschaft bedeutet, sondern den Einzelnen im besten Falle zugleich befähigt, sich selbst als eigenverantwortliches und gesellschaftliches Subjekt wahrzunehmen anstatt als Funktionsträger einer türkischen oder sonst wie islamischen Gemeinschaftsidentität, wäre der kritische Kern, den man gegen Sarrazin aus dessen Thesen herausschälen müsste. Zu diesem Zwecke laden wir alle, die von Erklärungen genug haben, in denen im schlimmsten Politikersprech einer Claudia Roth von „Empörung“ die Rede ist, und sich lieber der kritischen Analyse der Wirklichkeit widmen wollen, am 30.09. 2010 zum Vortrag von Justus Wertmüller (Redaktion Bahamas) ein.


9/13/2010

Spiegelfechter – LSD im Gemüseladen

Der folgende Text ist eigentlich ein Kommentar zu Jörg Laus Beitrag Warum man auf Deutschland stolz sein soll. Da er etwas länger geraten ist und sich auch – über das Themas des Ursprungtextes hinaus – auf die gesamte Sarrazindebatte anwenden lässt, poste ich ihn einfach hier nochmal. Lau selbst hat sich in der letzten Zeit vorrangig als Kritiker von Sarrazin und einer zunehmenden Islamophobie gebärdet. Dabei hebt er sich auf jeden Fall von Alarmisten der kritikfreien Multikultifraktion ab, auch wenn seine letzten Äußerungen und Thesen manchmal etwas obskur anmuten. In dem Text, auf den sich dieser Beitrag bezieht, zitiert Lau die Beobachtungen eines Nicolas Kulish von der New York Times, der vor lauter Lob des neuen Deutschlands Lau beinahe vor Freude hyperventilieren lässt:

 

Also zunächst einmal einen spielt die ganze Özil-Toleranz in der gleichen Liga wie die Sarrazinsche Intoleranz. Das heißt, wir schlagen nicht mehr die vermeintlich Unproduktiven tot, sondern die, von denen wir annehmen, sie seien wirklich unproduktiv – wenn das mal kein Fortschritt ist. Die Messlatte der Kritik ist in beiden Fällen die gleiche: Staatsloyalität und Kapitalproduktivität, hier geben sich Herr Lau und Herr Sarrazin bei einem Gläschen Rotwein die Hand.

Beiden gemein ist die urdeutsche Ideologie, gegenüber der uneigentlichen Kultur anderer Länder sei Deutschland das “Land, in dem noch Dinge von Wert hergestellt werden.” So erfreuen sich auch beide der deutschen Zustände, in denen “der Fluch der Vergangenheit die junge Generation nicht mehr überschattet”. Dennoch will man sich von dieser Vergangenheit nicht ohne Stolz lossagen und sich ab und an gerne auf sie beziehen: “Deutschland hat schon ganz andere Sachen geschafft als die Integration der 4 Mio. muslimischen Einwanderer.” Oh ja, das haben sie.

Und so liefert man sich, Tag ein, Tag aus, ein Scharmützel darüber, ob jetzt die Muslime unproduktiv seien oder ob dieses Urteil zu allgemein und undifferenziert ist, wobei der Maßstab freilich nie in Frage gestellt wird. Und weil sie “der Fluch der Vergangenheit nicht” länger “mehr überschattet”, brauchen sie auch nicht mehr darüber nachzudenken, ob nicht die Messlatte selbst die Falsche ist – und so kann Herr Lau weiterhin den Antifaschisten gegen den Rassisten Sarrazin geben, weil beide vergessen haben, dass “Deutschland [...] schon ganz andere Sachen geschafft [hat] als die Integration der 4 Mio muslimischen Einwanderer.”

Wer den “Fluch der Vergangenheit” als solchen bezeichnet und froh ist, dass er einen “nicht mehr überschattet”, spricht aus, dass der Fluch nicht die Sache und die Tat, sondern das Gedenken und die Reflexion, nicht zuletzt die wie auch immer bestimmte Schuld war. Ein nicht unwichtiges Resultat einer solchen Reflexion wäre, den Einzelnen gegen das Kollektiv zu verteidigen; unter gegenwärtigen Umständen bedeutet dies nicht unwesentlich: eine Kritik des Islam, sowohl in seiner politischen Variante als auch, davon nicht losgelöst, in der Form einer Regressionsideologie islamischer Migrantencommunities.

Weder Sarrazin noch Lau vermögen dies zu leisten, da beider Perspektive das große Ganze ist, das funktionieren soll. Die Opfer, sowohl von Sarrazins Ekel wie Laus Differenzierung, sind vorrangig die Objekte der islamischen Rackets. Vom einen werden sie in die Kritik der unintelligenten und unnützen “Gemüsehändler” mit einbezogen, beim anderen existieren sie gar nicht als Opfer, da alles – wie es im postmodernen LSD-Jargon heißt – so vielfältig und bunt ist.

“Deutschland schafft sich ab” – schon wär’s…


9/06/2010

Killerkitsch: “Der letzte Krieger von Dschenin”

Da der Abgabetermin meiner Magisterarbeit näher rückt, hier nur eine kleine Leseempfehlung. Aber Achtung: es ist der mit Abstand ekligste Kitsch, der mir unter die Augen gekommen ist – sowas habe ich schon lange nicht mehr, vielleicht noch nie gesehen bzw. gelesen. Ich hoffe mal für DIE ZEIT, dass es sich bei dem Autoren um einen Praktikanten handelt, der grade sein G8-Abitur in Bremen macht.

Bereits die Einleitung lässt jeden Heimatfilm blass aussehen: “Ein weites Tal umgeben von weichen Hügeln mit leichtem Bewuchs erstreckt sich in schattierten Rot- und Brauntönen dem Horizont entgegen.” Dann folgt ein Portrait des “palästinensischen” Rentners Zakaria Zubeidi (33), der früher Juden ermordete und sich heute – Stichwort: Ehrenamt im Alter – dem Theater zugewandt hat: “Er gründet zusammen  mit dem israelischen Schauspieler und Dissidenten Juliano Mer-Khamis das Freedom Theatre im ehemaligen Flüchtlingslager von Dschenin. Noam Chomsky und Judith Butler unterstützen das Projekt.” Wer auch sonst?

Der ganze Text besteht eigentlich nur aus ekelhafter Augen- und Narbenmetaphorik, wie sie – zumindest hoffe ich das – in jedem Dorf-VHS-Kurs zum Thema “Jetzt lerne ich schreiben – der Weg zum Erfolgsroman” den Leuten aberzogen wird. Beispiele gefällig?

“Aus tiefen, versehrten Augen blickt Zakaria Zubeidi nun auf. In der fragmentierten Iris sitzen scheinbar verstreut kleine, abstrakte Pupillen.“

“Splitter drangen in die Augen ein. Zubeidi erblindete. Ein Arzt entfernte einige der Schrapnell-Fragmente. Das Augenlicht kehrte zurück.”

“Viel haben diese Augen gesehen.”

“In den Augen, den Gesten und dem Ton von Zubeidi findet sich eine eigentümliche Sanftheit, die einfach nicht zu seiner Biografie passen will. Wenn man seinen Blick erwidert, schlägt er oftmals die Augen nieder. Aber nicht verschüchtert oder zaghaft. Es ist, als wenn Zakaria Zubeidi schon längst nicht mehr ganz da wäre, schon halb an einem anderen Ort.“

“Blickt man in seine Augen dann begegnet einem die ganze Komplexität und das biblische Alter des Nahost-Konfliktes. Und die Sonntagsreden der Politik scheinen sich in der flirrend heißen Luft Dschenins schlicht aufzulösen.”

“Die Narben, die Zakaria Zubeidi im Gesicht und am Körper trägt, sind die Wunden des Konfliktes, die ihn zum Mörder, zum Volkshelden, zum letzten Krieger haben werden lassen. Er kann keinen Frieden finden. “

“Manchmal, wenn er eine Zeit lang schweigt, scheint es, als versinke Zubeidi in der Vergangenheit, als höre er "die im Dunkeln unter dem Fenster entlang marschierenden Truppen", wie Hemingway in A farewell to arms schreibt. Als spüre er das Gewicht und den Rückstoß der Maschinenpistole in seiner Hand. "Die Israelis besetzen unser Land, unsere Kultur und unsere Träume", sagt Zubeidi schließlich. Unruhige Träume müssen das sein.”

Hemingway ist das Stichwort! Wie sagte Adorno noch über die deutsche Kunst: “Im neunzehnten Jahrhundert haben die Deutschen ihren Traum gemalt, und es ist allemal Gemüse daraus geworden. Die Franzosen brauchten nur Gemüse zu malen, und es war schon ein Traum.“ Dies gilt auch, wahrscheinlich mehr noch, für einen deutschen Journalismus, der Hemingway spielt. Aber letztlich geht es dem Autor ja nicht allein darum, sich als ernstzunehmenden Schreiber zu präsentieren, sondern er hat zudem noch eine Intention. Er will darauf hinweisen, wie ungemein kompliziert die Lage in Nahost doch ist, damit er die Palästinenser in sein postmodernes, antischematisches Schema pressen kann. In seinem Jargon klingt das so: “Sie sprechen für eine Gemeinschaft, die in Biografie, Zielsetzung und emotionaler Bindung heterogen bis in die äußersten Ränder ist. So different wie die Perspektiven auf den Nahost-Konflikt sind, so unterschiedlich sind sie innerhalb des palästinensischen Volkes selbst.” Oha, alles ganz schwierig also! Dann schauen wir uns mal den komplexen und hybriden Herrn Zubeidi etwas näher an. Zunächst einmal war er ein gewöhnlicher, palästinensischer Judenmörder:

Er hat israelische Soldaten getötet und Bomben gebaut. Er war, so behaupten die israelischen Behörden, Organisator von Selbstmordattentaten. Er stand ganz oben auf der Todesliste zu liquidierender Staatsfeinde. Als sich während der Zweiten Intifada ein Selbstmordattentäter aus dem ehemals prosperierenden Dschenin in Haifa in die Luft sprengt, rückt im April 2002 die israelische Armee an und zerstört große Teile der Stadt. Die Palästinenser greifen ihrerseits zu den Waffen. Während der "Schlacht um Dschenin" wird Zubeidi zu einem der Anführer der Fatah nahen Al-Aksa-Brigaden.

Dann erfährt man folgendes: “2003 war vor ihm ein Sprengkopf explodiert. Splitter drangen in die Augen ein. Zubeidi erblindete. Ein Arzt entfernte einige der Schrapnell-Fragmente. Das Augenlicht kehrte zurück.” Grandios, kommt jetzt so etwas wie eine Saulus/Paulus-Geschichte? Das läge aus psychoanalytischer Sicht zumindest nahe (Verlust des Augenlichts, Gal 4,15; Freuds Sandmann-Interpretation, Stichwort: Kastration!). Aber nein, Zubeidis Wandel zu einem heterogenen Element der bunten Patchworkgesellschaft “Palästina” hat sich an einer anderen Stelle vollzogen:

"Nach der (Zweiten) Intifada begannen die inner-palästinensischen Probleme zwischen Hamas und Fatah. Das ist der wahre Grund, warum ich den bewaffneten Kampf unterbrochen habe" sagt Zubeidi leise: "Man kann die palästinensische Flagge nicht mehr sehen. Alle Flaggen sind grün, gelb oder schwarz: Die Farben der einzelnen Parteien. Die Palästinenser haben diese Partikular-Interessen ständig vor Augen." Ihm gehe es um Einheit. Den Politikern in Ramallah misstraut er dabei: "Wir haben die Opfer gebracht. Dort wird nur geredet", sagt der ehemalige Al-Aksa-Brigaden-Chef.

Mh, irgendwie unspannend. Dieses übliche Faschistengeschwätz soll jetzt ein Dokument palästinensischer Vielschichtigkeit sein? Aber es geht noch weiter:

"Der bewaffnete Widerstand ist Teil des Palästinensischen Widerstandes", sagt er bestimmt in einem eigentümlichen Singsang: "Aber wir haben Ärzte, Ingenieure, Künstler, das Kino und das Theater. Wir haben neue Waffen, die wir verwenden."

Da geht dem Leser ein Licht auf! Die palästinensische Gesellschaft ist also nicht in den Zwecken, sondern in den Mitteln differenziert. Doch selbst das stimmt nicht so ganz:

“Immer wieder spricht Zubeidi von der dritten Intifada als sinnstiftendem Ereignis. Wenn er einen dabei so sonderbar fern anblickt, dann weiß man, das sind nicht die Floskeln eines Politikers oder saturierten Alt-Aktivisten. "Ich habe meine Waffen nicht niedergelegt. Ich benutze sie schlicht nicht mehr", sagt Zubeidi dann und greift dabei beiläufig an sein Pistolenhalfter, das er unter seinem Hemd am Rücken verborgen immer bei sich trägt. Zubeidi sagt, er trage diese Waffe nicht, um zu töten, sondern um getötet zu werden, sollten israelische Spezialeinheiten ihn einmal doch in Haft nehmen wollen. Man nimmt ihm ab, dass er das ernst gemeint. (sic!)

Ruhestand eben. Auch in Palästina gibt es so etwas wie Altersweisheit, nur taucht die bereits für westliche Maßstäbe früh auf. In seinem hohen Alter schlägt Zubeidi versöhnliche Töne an:

Er kann von den Israelis nicht als gleichberechtigter Partner akzeptiert werden. Umso abstrakter klingt es wenn Zubeidi sagt, er lade jeden Juden ein, sein Nachbar zu sein: "Wir beanspruchen das ganze Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. In diesem palästinensischen Staat begrüßen wir alle Religionen. Wir sind das heilige Land für alle drei Religionen." Dazu wird es wohl niemals kommen. Zubeidi weiß das.

Na, wenn das mal kein Ausdruck für die Heterogenität unter den Westjordaniern ist, “eine Gemeinschaft, die in Biografie, Zielsetzung und emotionaler Bindung heterogen bis in die äußersten Ränder ist. So different wie die Perspektiven auf den Nahost-Konflikt sind, so unterschiedlich sind sie innerhalb des palästinensischen Volkes selbst.”

Quod erat demonstrandum!

 

Hier geht’s zum Originalbeitrag in der ZEIT.


9/03/2010

Band of Brother

carnival

Damit das Ganze nicht zum monothematischen Blog verkommt, zur Abwechslung mal was ganz anderes in – fast – eigener Sache. Die Aufnahmen der Bremer Band young carnival meines Bruders Alexander Treville sind fertig und wollen gehört werden. Musikliebhaber und Menschen mit connections zu Konzertveranstaltern (oder solche, die selbst welche sind) können auf der Seite Kontakt mit der unikatösen Musikkapelle aufnehmen. Jung, nuttig und adrett, sind sie dennoch anspruchsvoll: die sieben Knaben brauchen Platz zum toben. Zudem haben sie, nebst eindrucksvollem Instrumentarium, geheime Zusatzfähigkeiten, die hier noch nicht verraten werden.