9/06/2010

Killerkitsch: “Der letzte Krieger von Dschenin”

Da der Abgabetermin meiner Magisterarbeit näher rückt, hier nur eine kleine Leseempfehlung. Aber Achtung: es ist der mit Abstand ekligste Kitsch, der mir unter die Augen gekommen ist – sowas habe ich schon lange nicht mehr, vielleicht noch nie gesehen bzw. gelesen. Ich hoffe mal für DIE ZEIT, dass es sich bei dem Autoren um einen Praktikanten handelt, der grade sein G8-Abitur in Bremen macht.

Bereits die Einleitung lässt jeden Heimatfilm blass aussehen: “Ein weites Tal umgeben von weichen Hügeln mit leichtem Bewuchs erstreckt sich in schattierten Rot- und Brauntönen dem Horizont entgegen.” Dann folgt ein Portrait des “palästinensischen” Rentners Zakaria Zubeidi (33), der früher Juden ermordete und sich heute – Stichwort: Ehrenamt im Alter – dem Theater zugewandt hat: “Er gründet zusammen  mit dem israelischen Schauspieler und Dissidenten Juliano Mer-Khamis das Freedom Theatre im ehemaligen Flüchtlingslager von Dschenin. Noam Chomsky und Judith Butler unterstützen das Projekt.” Wer auch sonst?

Der ganze Text besteht eigentlich nur aus ekelhafter Augen- und Narbenmetaphorik, wie sie – zumindest hoffe ich das – in jedem Dorf-VHS-Kurs zum Thema “Jetzt lerne ich schreiben – der Weg zum Erfolgsroman” den Leuten aberzogen wird. Beispiele gefällig?

“Aus tiefen, versehrten Augen blickt Zakaria Zubeidi nun auf. In der fragmentierten Iris sitzen scheinbar verstreut kleine, abstrakte Pupillen.“

“Splitter drangen in die Augen ein. Zubeidi erblindete. Ein Arzt entfernte einige der Schrapnell-Fragmente. Das Augenlicht kehrte zurück.”

“Viel haben diese Augen gesehen.”

“In den Augen, den Gesten und dem Ton von Zubeidi findet sich eine eigentümliche Sanftheit, die einfach nicht zu seiner Biografie passen will. Wenn man seinen Blick erwidert, schlägt er oftmals die Augen nieder. Aber nicht verschüchtert oder zaghaft. Es ist, als wenn Zakaria Zubeidi schon längst nicht mehr ganz da wäre, schon halb an einem anderen Ort.“

“Blickt man in seine Augen dann begegnet einem die ganze Komplexität und das biblische Alter des Nahost-Konfliktes. Und die Sonntagsreden der Politik scheinen sich in der flirrend heißen Luft Dschenins schlicht aufzulösen.”

“Die Narben, die Zakaria Zubeidi im Gesicht und am Körper trägt, sind die Wunden des Konfliktes, die ihn zum Mörder, zum Volkshelden, zum letzten Krieger haben werden lassen. Er kann keinen Frieden finden. “

“Manchmal, wenn er eine Zeit lang schweigt, scheint es, als versinke Zubeidi in der Vergangenheit, als höre er "die im Dunkeln unter dem Fenster entlang marschierenden Truppen", wie Hemingway in A farewell to arms schreibt. Als spüre er das Gewicht und den Rückstoß der Maschinenpistole in seiner Hand. "Die Israelis besetzen unser Land, unsere Kultur und unsere Träume", sagt Zubeidi schließlich. Unruhige Träume müssen das sein.”

Hemingway ist das Stichwort! Wie sagte Adorno noch über die deutsche Kunst: “Im neunzehnten Jahrhundert haben die Deutschen ihren Traum gemalt, und es ist allemal Gemüse daraus geworden. Die Franzosen brauchten nur Gemüse zu malen, und es war schon ein Traum.“ Dies gilt auch, wahrscheinlich mehr noch, für einen deutschen Journalismus, der Hemingway spielt. Aber letztlich geht es dem Autor ja nicht allein darum, sich als ernstzunehmenden Schreiber zu präsentieren, sondern er hat zudem noch eine Intention. Er will darauf hinweisen, wie ungemein kompliziert die Lage in Nahost doch ist, damit er die Palästinenser in sein postmodernes, antischematisches Schema pressen kann. In seinem Jargon klingt das so: “Sie sprechen für eine Gemeinschaft, die in Biografie, Zielsetzung und emotionaler Bindung heterogen bis in die äußersten Ränder ist. So different wie die Perspektiven auf den Nahost-Konflikt sind, so unterschiedlich sind sie innerhalb des palästinensischen Volkes selbst.” Oha, alles ganz schwierig also! Dann schauen wir uns mal den komplexen und hybriden Herrn Zubeidi etwas näher an. Zunächst einmal war er ein gewöhnlicher, palästinensischer Judenmörder:

Er hat israelische Soldaten getötet und Bomben gebaut. Er war, so behaupten die israelischen Behörden, Organisator von Selbstmordattentaten. Er stand ganz oben auf der Todesliste zu liquidierender Staatsfeinde. Als sich während der Zweiten Intifada ein Selbstmordattentäter aus dem ehemals prosperierenden Dschenin in Haifa in die Luft sprengt, rückt im April 2002 die israelische Armee an und zerstört große Teile der Stadt. Die Palästinenser greifen ihrerseits zu den Waffen. Während der "Schlacht um Dschenin" wird Zubeidi zu einem der Anführer der Fatah nahen Al-Aksa-Brigaden.

Dann erfährt man folgendes: “2003 war vor ihm ein Sprengkopf explodiert. Splitter drangen in die Augen ein. Zubeidi erblindete. Ein Arzt entfernte einige der Schrapnell-Fragmente. Das Augenlicht kehrte zurück.” Grandios, kommt jetzt so etwas wie eine Saulus/Paulus-Geschichte? Das läge aus psychoanalytischer Sicht zumindest nahe (Verlust des Augenlichts, Gal 4,15; Freuds Sandmann-Interpretation, Stichwort: Kastration!). Aber nein, Zubeidis Wandel zu einem heterogenen Element der bunten Patchworkgesellschaft “Palästina” hat sich an einer anderen Stelle vollzogen:

"Nach der (Zweiten) Intifada begannen die inner-palästinensischen Probleme zwischen Hamas und Fatah. Das ist der wahre Grund, warum ich den bewaffneten Kampf unterbrochen habe" sagt Zubeidi leise: "Man kann die palästinensische Flagge nicht mehr sehen. Alle Flaggen sind grün, gelb oder schwarz: Die Farben der einzelnen Parteien. Die Palästinenser haben diese Partikular-Interessen ständig vor Augen." Ihm gehe es um Einheit. Den Politikern in Ramallah misstraut er dabei: "Wir haben die Opfer gebracht. Dort wird nur geredet", sagt der ehemalige Al-Aksa-Brigaden-Chef.

Mh, irgendwie unspannend. Dieses übliche Faschistengeschwätz soll jetzt ein Dokument palästinensischer Vielschichtigkeit sein? Aber es geht noch weiter:

"Der bewaffnete Widerstand ist Teil des Palästinensischen Widerstandes", sagt er bestimmt in einem eigentümlichen Singsang: "Aber wir haben Ärzte, Ingenieure, Künstler, das Kino und das Theater. Wir haben neue Waffen, die wir verwenden."

Da geht dem Leser ein Licht auf! Die palästinensische Gesellschaft ist also nicht in den Zwecken, sondern in den Mitteln differenziert. Doch selbst das stimmt nicht so ganz:

“Immer wieder spricht Zubeidi von der dritten Intifada als sinnstiftendem Ereignis. Wenn er einen dabei so sonderbar fern anblickt, dann weiß man, das sind nicht die Floskeln eines Politikers oder saturierten Alt-Aktivisten. "Ich habe meine Waffen nicht niedergelegt. Ich benutze sie schlicht nicht mehr", sagt Zubeidi dann und greift dabei beiläufig an sein Pistolenhalfter, das er unter seinem Hemd am Rücken verborgen immer bei sich trägt. Zubeidi sagt, er trage diese Waffe nicht, um zu töten, sondern um getötet zu werden, sollten israelische Spezialeinheiten ihn einmal doch in Haft nehmen wollen. Man nimmt ihm ab, dass er das ernst gemeint. (sic!)

Ruhestand eben. Auch in Palästina gibt es so etwas wie Altersweisheit, nur taucht die bereits für westliche Maßstäbe früh auf. In seinem hohen Alter schlägt Zubeidi versöhnliche Töne an:

Er kann von den Israelis nicht als gleichberechtigter Partner akzeptiert werden. Umso abstrakter klingt es wenn Zubeidi sagt, er lade jeden Juden ein, sein Nachbar zu sein: "Wir beanspruchen das ganze Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer. In diesem palästinensischen Staat begrüßen wir alle Religionen. Wir sind das heilige Land für alle drei Religionen." Dazu wird es wohl niemals kommen. Zubeidi weiß das.

Na, wenn das mal kein Ausdruck für die Heterogenität unter den Westjordaniern ist, “eine Gemeinschaft, die in Biografie, Zielsetzung und emotionaler Bindung heterogen bis in die äußersten Ränder ist. So different wie die Perspektiven auf den Nahost-Konflikt sind, so unterschiedlich sind sie innerhalb des palästinensischen Volkes selbst.”

Quod erat demonstrandum!

 

Hier geht’s zum Originalbeitrag in der ZEIT.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Bitte mit Namen kommentieren, da man sich ansonsten immer auf anonym1, anonym2 usw. beziehen muß.