9/13/2010

Spiegelfechter – LSD im Gemüseladen

Der folgende Text ist eigentlich ein Kommentar zu Jörg Laus Beitrag Warum man auf Deutschland stolz sein soll. Da er etwas länger geraten ist und sich auch – über das Themas des Ursprungtextes hinaus – auf die gesamte Sarrazindebatte anwenden lässt, poste ich ihn einfach hier nochmal. Lau selbst hat sich in der letzten Zeit vorrangig als Kritiker von Sarrazin und einer zunehmenden Islamophobie gebärdet. Dabei hebt er sich auf jeden Fall von Alarmisten der kritikfreien Multikultifraktion ab, auch wenn seine letzten Äußerungen und Thesen manchmal etwas obskur anmuten. In dem Text, auf den sich dieser Beitrag bezieht, zitiert Lau die Beobachtungen eines Nicolas Kulish von der New York Times, der vor lauter Lob des neuen Deutschlands Lau beinahe vor Freude hyperventilieren lässt:

 

Also zunächst einmal einen spielt die ganze Özil-Toleranz in der gleichen Liga wie die Sarrazinsche Intoleranz. Das heißt, wir schlagen nicht mehr die vermeintlich Unproduktiven tot, sondern die, von denen wir annehmen, sie seien wirklich unproduktiv – wenn das mal kein Fortschritt ist. Die Messlatte der Kritik ist in beiden Fällen die gleiche: Staatsloyalität und Kapitalproduktivität, hier geben sich Herr Lau und Herr Sarrazin bei einem Gläschen Rotwein die Hand.

Beiden gemein ist die urdeutsche Ideologie, gegenüber der uneigentlichen Kultur anderer Länder sei Deutschland das “Land, in dem noch Dinge von Wert hergestellt werden.” So erfreuen sich auch beide der deutschen Zustände, in denen “der Fluch der Vergangenheit die junge Generation nicht mehr überschattet”. Dennoch will man sich von dieser Vergangenheit nicht ohne Stolz lossagen und sich ab und an gerne auf sie beziehen: “Deutschland hat schon ganz andere Sachen geschafft als die Integration der 4 Mio. muslimischen Einwanderer.” Oh ja, das haben sie.

Und so liefert man sich, Tag ein, Tag aus, ein Scharmützel darüber, ob jetzt die Muslime unproduktiv seien oder ob dieses Urteil zu allgemein und undifferenziert ist, wobei der Maßstab freilich nie in Frage gestellt wird. Und weil sie “der Fluch der Vergangenheit nicht” länger “mehr überschattet”, brauchen sie auch nicht mehr darüber nachzudenken, ob nicht die Messlatte selbst die Falsche ist – und so kann Herr Lau weiterhin den Antifaschisten gegen den Rassisten Sarrazin geben, weil beide vergessen haben, dass “Deutschland [...] schon ganz andere Sachen geschafft [hat] als die Integration der 4 Mio muslimischen Einwanderer.”

Wer den “Fluch der Vergangenheit” als solchen bezeichnet und froh ist, dass er einen “nicht mehr überschattet”, spricht aus, dass der Fluch nicht die Sache und die Tat, sondern das Gedenken und die Reflexion, nicht zuletzt die wie auch immer bestimmte Schuld war. Ein nicht unwichtiges Resultat einer solchen Reflexion wäre, den Einzelnen gegen das Kollektiv zu verteidigen; unter gegenwärtigen Umständen bedeutet dies nicht unwesentlich: eine Kritik des Islam, sowohl in seiner politischen Variante als auch, davon nicht losgelöst, in der Form einer Regressionsideologie islamischer Migrantencommunities.

Weder Sarrazin noch Lau vermögen dies zu leisten, da beider Perspektive das große Ganze ist, das funktionieren soll. Die Opfer, sowohl von Sarrazins Ekel wie Laus Differenzierung, sind vorrangig die Objekte der islamischen Rackets. Vom einen werden sie in die Kritik der unintelligenten und unnützen “Gemüsehändler” mit einbezogen, beim anderen existieren sie gar nicht als Opfer, da alles – wie es im postmodernen LSD-Jargon heißt – so vielfältig und bunt ist.

“Deutschland schafft sich ab” – schon wär’s…


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Bitte mit Namen kommentieren, da man sich ansonsten immer auf anonym1, anonym2 usw. beziehen muß.