10/06/2010

Malte Lehming: Mein Freund, der Baum

Für den Reichsjägermeister und Reichsnaturschutzbeauftragten Hermann Göring bedeutete Waldvernichtung Volksvernichtung. Denn „wenn wir durch den Wald gehen, erfüllt uns der Wald mit einer ungeheuren Freude“. Viel gelesen wurde auch sein Essay: „Ewiger Wald und ewiges Volk“. Der NS-Ideologe Alfred Rosenberg glorifizierte in dem Montagefilm „Der ewige Wald“ die Deutschen als Waldvolk. Für die bündische Jugend sollte das Wandern im Wald helfen, Werte wie Treue, Kameradschaft und Natürlichkeit zu entwickeln. Und natürlich sollten im deutschen Wald nur deutsche Pflanzen gedeihen und deutsche Tiere leben. Der deutsche Baum (die Eiche) und der deutsche Wald (ewig) gehören seit rund 200 Jahren fest zur nationalen Identität.

Man könnte diese Einleitung missverstehen als Beleg für das von Mike Godwin geprägte Gesetz, demzufolge im Verlauf langer Debatten irgendwann irgendjemand einen Nazi-Vergleich bringt. Doch mit der Nazi-Ideologie hat der Protest gegen „Stuttgart 21“ allenfalls in Sphären des kollektiv Unbewussten zu tun. Vielmehr ist es ein Aufstand urdeutschen Gemüts. Im Stuttgarter Schlossgarten wird das germanische Wesen verteidigt.

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Auf der Internetseite der „Parkschützer“ heißt es: „282 Großbäume sollen für Stuttgart 21 gefällt werden: Platanen, Bergahorn, Eichen, Ulmen, Rosskastanien, Rotbuchen und andere. Diese wertvollen Bäume bieten Lebensräume für Vögel, Fledermäuse und Insekten. Jeder Baum und jede Hecke ist im Lauf der Jahrzehnte zu einem einzigartigen Biotop gewachsen. Biotope, die teilweise vom Aussterben bedrohten Arten einen Lebensraum bieten.“ Wahrscheinlich ist das Wort „Lebensraum“ ebenso zufällig gewählt wie der Aufruf „Stuttgart erwache“: Mit ihm endet das Video des Protest-Raps „Oben bleiben“, das bei jeder Demonstration ertönt. Die Parkbäume im Schlossgarten sind zum überragenden Symbol des Streits um „Stuttgart 21“ geworden.

In anderen Ländern gehen Menschen für Freiheitsrechte und Revolutionen auf die Straße, sie bekämpfen die Staatsmacht wegen Tyrannei oder unsozialer Politik. In Stuttgart geht’s um Bäume (und einen neuen Bahnhof). „O Wald, o Waldeseinsamkeit, wie gleichst du dem deutschen Gemüt“, schrieb der Dichter Julius Hammer 1851. „Kein anderes Geschöpf ist mit dem Geschick der Menschheit so vielfältig, so eng verknüpft wie der Baum“, urteilte der Historiker Alexander Demandt. Und Literaturnobelpreisträger Elias Canetti bringt es in seinem Hauptwerk „Masse und Macht“ 1960 auf den Punkt: „In keinem modernen Land der Welt ist das Waldgefühl so lebendig geblieben wie in Deutschland. Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre Zahl erfüllt das Herz des Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude.“

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(weiterlesen auf tagesspiegel.de)


1 Kommentar:

  1. Na ja...

    Manche Nazis waren vernarrt in Bäume. Viele Deutsche sind es noch immer.

    Schön, wie feinfühlig Malte Lehming da das "kollektiv Unbewusste" und das "germanische Wesen" aufzuspüren versteht. Er selbst gehört ja nicht gerade zu der Sorte, die es nötig hat, erst den Umweg über Rosskastanien, Fledermäuse und Insekten zu nehmen. Erinnert sich eigentlich noch wer, wie er in eigener Sache den Generalsekretär des Zentralrats der Juden abgewatscht hat:

    http://www.tagesspiegel.de/meinung/ein-juedischer-folklorist/1840868.html

    Ein Judenwitz als Aufhänger, die irre Behauptung, wer von "Shoah-Business", Instrumentalisierung des Gedenkens und israelischen Kriegsverbrechen lesen wolle müsste dazu auf ausländische Medien zurückgreifen (ja, tatsächlich!), gemütliches Räsonieren, ob selbstredend völlig grundlos echauffierten Juden nun eher mit Ignoranz oder mit Küchenpsychologie zu begegnen wäre (was regen die sich bloß so auf?), zum Schluss triumphierender Spott über die längst schlaff gewordene "Antisemitismuskeule". Mit anderen Worten: die denkbar beste und umfassendste Bestätigung der von Stephan Kramer geäußerten Kritik.

    Gut, dass Lehming ein Heimattümler wäre lässt sich ihm vielleicht nicht nachsagen...

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