9/07/2011

Einmal Zukunft bitte - Beobachtungen aus Tel Aviv

(Gastbeitrag)

Aaah…Tel Aviv. Kaffeetrinken, Strand, Sonnenuntergang, Falafel, Revolution.
Es ist Samstagabend, der Abend des vorerst letzten Protestmarsches für soziale Gerechtigkeit in Israel. Und des größten.


In der vorherigen Woche hatten es gerade mal 2000 Menschen in Jerusalem auf die Straße geschafft. „Bibi Bibi, guten Abend, Jerusalem ist auf der Straße“ (auf hebräisch reimt es sich und klingt ziemlich catchy) wurde skandiert, stimmte aber nicht so ganz. Man war enttäuscht, das Ende der Proteste wurde befürchtet. Viele der Dauercamper auf dem Rothschild-Boulevard in Tel Aviv und der King George Street in Jerusalem sind offenbar in ihre überteuerten Wohnungen zurückgekehrt. Vielleicht waren die Terrorangriffe im Süden Israels Mitte August ein Grund. Es ist sicher auch ermüdend bei über 30 Grad im Schatten und hoher Luftfeuchtigkeit in einem stickigen Igluzelt zu wohnen. Ganz zu schweigen davon, dass außer dem Versprechen von kosmetischen Reformen seitens der Regierung und der Senkung des Preises für Hüttenkäse bislang nicht viel erreicht wurde.

Dementsprechend wurde die Ankündigung, am 3.9. zum „one-million-march“ zu mobilisieren auch eher belächelt. Die größte Demo in der Geschichte Israels – ein absurder Anspruch. Und doch – It’s million time. Während ich mit Ron am Kikar Habima, dem Auftaktort des Protestmarsches, sitze und er mir erklärt, dass man ist was man isst und Veganismus daher eine gute Sache ist, sammeln sich um uns herum immer mehr Menschen. Wir setzen uns in Bewegung. Obwohl bereits 15 Minuten vergangen sind, seit der Marsch begonnen hat, sind wir immer noch mittendrin. 300 000 Menschen alleine in Tel Aviv lese ich am nächsten Morgen. 50 000 in Jerusalem, 40 000 in Haifa. Es ist tatsächlich die größte Demonstration in der Geschichte Israels.

Ron liefert wie gewohnt den obligatorischen Zynismus und holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück: „Ich glaube nicht dass wir etwas erreichen. Die letzte größte Demonstration in der Geschichte Israels war 1995. Damals haben wir erreicht, dass Rabin erschossen wurde.“ Heute stirbt zum Glück niemand, keine Terroristen oder religiösen Fanatiker schießen um sich.

Eine Veganergruppe läuft an uns vorbei. „Pelz ist nicht richtig“ proklamiert eines ihrer Schilder, das dazugehörige Foto zeigt einen toten Hund mit blutiger Nase. Ron und ich freuen uns über die Willkür mancher ProtestteilnehmerInnen. Dass der gängige Slogan „das Volk fordert soziale Gerechtigkeit“ von den TierrechtlerInnen in „das Volk fordert veganes Essen“ umgewandelt wird, ist einer der absurden Momente dieses Abends. Ein anderer Slogan, weniger vegan, lautet „das Volk fordert French Toast“. Denn „zedek chevrati“ (soziale Gerechtigkeit) und „lechem zarfatit“ (French Toast) haben einen recht ähnlichen Klang. Auch schön: „Das Volk fordert Krempel“ – sicher, warum immer konkret festlegen? Warum allerdings die äthiopische Trommelgruppe eine deutsche Antifa-Fahne schwingt bleibt genauso unklar, wie die Bedeutung des aus leuchtenden Golfbällen bestehenden Schriftzuges „Boker tov“ (guten Morgen), der an diesem verhältnismäßig lauen Samstagabend auf einem Transparent in die Dunkelheit strahlt. Aber aufwändig Gebasteltes überzeugt – so auch das 2x2 Meter Porträt von Ghandi aus Kronkorken.


Von den hebräischen Abschlusskundgebungen auf dem Kikar Hamedina verstehe ich nichts, bis auf die üblichen „Ze-dek Chev-ra-tiiiiiiiiiiii“-Chöre. Und „Wir sind das neue Israel“. Auf die Frage hin, warum Ron während der Rede von Daphni Leef, einer der Hauptfiguren der Protestbewegung, in Lachen ausbricht, übersetzt er mir die Worte der Rednerin: Angeblich völlig unzusammenhängend habe sie darauf hingewiesen, dass sie und ihre Generation nicht nur Krieg und Intifada, Entführungen und Tod von Freunden miterleben mussten, sondern auch zur dritten Generation nach dem Holocaust gehören. Ron freut sich über diese Vorlage und beschließt, in Zukunft alles mit der Begründung einzufordern, er gehöre zur dritten Generation nach der Shoah und habe deswegen ein Recht auf Sonderbehandlung. Ich bin mir nicht ganz sicher, warum er das so absurd findet und teile mein Wasser mit ihm.

Bei der Demonstration in der vorigen Woche durfte Gilat Shalits Vater eine Rede halten. Und auch wenn sicherlich alles miteinander zusammenhängt und die hohen Lebenshaltungskosten nicht ohne die Ausgaben für Rüstung und Verteidigung oder die enorme Subventionierung der haredischen Juden verstanden werden können, nimmt es Rons Meinung nach der Bewegung den Wind aus den Segeln, den Massenprotest für ein bezahlbares Leben mit der – selbstverständlich berechtigten – Forderung der Freilassung eines israelischen Soldaten aus den Fängen der Hamas zu verknüpfen.


Linke Bewegungen, die nicht allein die Besatzung der palästinensischen Gebiete oder die Repression der arabischen Bevölkerung in Israel thematisieren, sondern Themen wie Arbeiterrechte, Privatisierung oder die Preise für Hüttenkäse ansprechen, haben es in Israel traditionell schwer. Und auch jetzt, nach einem Sommer der „Revolution“, nachdem zum ersten Mal in der Geschichte Israels Hunderttausende für ihre eigenen Anliegen auf die Straße gegangen sind, droht der 20. September am Horizont - der Tag an dem Abbas die UN-Vollversammlung dazu aufrufen will, den Palästinensischen Staat anzuerkennen. Was dann passiert, ist schwer vorherzusagen. Aber ganz gleich ob es eine dritte Intifada, Krieg oder das Ende von Israel bedeutet - die Frage dieses Sommers, unter welchen sozialen Bedingungen die israelische Bevölkerung ihr Leben in diesem Land verbringt, weicht der Frage, ob sie es hier überhaupt verbringen kann. Das erscheint mir traurig und demotivierend.


Dankbar für den Zynismus meiner israelischen Freunde flüchte ich mich in deren Gespräche über die grottige Misrachit-Popmusik von Eyal Golan, der gerade seinen Auftritt auf der Abschlusskundgebung hat. Wir laufen zurück, die Straßen gleichen einem Openair-Festival. Gut gelaunte Menschen trinken Bier, Hippies verteilen free hugs und überall liegen Flyer, Gratiszeitungen und Transparente herum. Ich beende den Abend in einer Bar mit einem Glas Goldstar – natürlich viel zu teuer – und hoffe, dass die Proteste mehr als französisches Toastbrot für alle erreichen werden.